Eine antifaschistische Wirtschaftspolitik nach Colm
Zusammen mit Kollegen seiner Kieler Abteilung wirkte Colm an den Woytinsky-Tarnow-Baade-Plan (WTB-Plan) des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes (ADGB) mit. Als der SPD-Reichstagsabgeordnete Otto Wels 1932 die Gewerkschaftsökonomen zu einer Debatte vor der SPD-Fraktion vorlud, um die Spaltung zwischen Partei und Gewerkschaft in dieser Frage zu überwinden, wählte der Leiter der statistischen Abteilung des ADGB – Wladimir Woytinsky – Colm zum Redner, um mit ihm eine aktive Konjunkturpolitik zu verteidigen. Ihnen gegenüber stand der ehemalige Finanzminister Rudolf Hilferding. Er verkündete:
„Colm und Woytinsky stellen die eigentlichen Grundlagen unseres Programms in Frage, die Marxsche Arbeitswertlehre. Unser Programm beruht auf der Überzeugung, dass Arbeit, und zwar ausschließlich Arbeit, Wert schafft. Preise weichen unter dem Einfluss des Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage von den Arbeitswerten ab. Depressionen resultieren aus der Anarchie des kapitalistischen Systems. Entweder sie gehen zu Ende, oder sie müssen zum Zusammenbruch dieses Systems führen. Wenn Colm und Woytinsky glauben, sie könnten eine Depression durch öffentliche Arbeiten abmildern, zeigen sie damit lediglich, dass sie keine Marxisten sind.“
Die Fraktion ließ sich nicht davon überzeugen, dass sich mit einem fiskalischen Stimulus und direkter Arbeitsbeschaffung die Depression überwinden ließe. Der Bruch zwischen Partei und Gewerkschaft war damit perfekt. Zwar kam es unter den Regierungen Papen und Schleicher zu ersten Beschäftigungsprogrammen, es war jedoch zu spät: „An dem Tag, an dem die Mittel für die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen – auch auf gewerkschaftlichen Druck hin – auf 500 Mio. RM aufgestockt wurden, trat die Regierung Schleicher zurück; zwei Tage darauf wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt.“[2]
Im amerikanischen Exil resümierte Colm über den Niedergang der Weimarer Republik:
„Eine staatliche Politik, die Beschäftigungsmöglichkeiten fördert, ist die wirksamste Verteidigung der Werte und Institutionen der Demokratie. Dass der Preis für dieses Ziel nicht zu hoch ist, kann von niemandem so eindringlich bezeugt werden wie von jenen, die diktatorischen Regimen entkommen sind.“ (Is Economic Security Worth the Cost 1939)
Von der Wirksamkeit einer zinspolitischen Steuerung der Gesamtwirtschaft durch die Zentralbank zeigte sich Colm wenig überzeugt. Die Fiskalpolitik hingegen stand für ihn im Zentrum dessen, was man rückblickend als antifaschistische Wirtschaftspolitik bezeichnen könnte:
„Dem Arsenal der Demokratie wurde eine neue Waffe hinzugefügt: die Fiskalpolitik. (…) Die Fiskalpolitik beeinflusst das allgemeine Niveau der wirtschaftlichen Transaktionen und Beschäftigungsmöglichkeiten, ohne die Grundprinzipien des freien Unternehmertums, der freien Berufswahl und der Konsumfreiheit anzutasten. Sie kann dazu eingesetzt werden, einen Boom zu dämpfen und einen schwachen Markt anzukurbeln (Technical Requirements for Effective Fiscal Policy 1945).“
Colm machte die Austeritätspolitik auch für den zunächst ungünstigen Kriegsverlauf aus Sicht der Alliierten verantwortlich:
„Vielleicht ist es nützlich, nicht zu vergessen, dass Hitlers anfänglicher Erfolg in Europa in den dreißiger Jahren durch eine ‚konservative‘ Finanzphilosophie der demokratischen Länder Westeuropas stark begünstigt wurde. Eine angemessene Vorbereitung der Verteidigung wurde in diesen Ländern durch die Angst vor Haushaltsdefiziten – während der Weltwirtschaftskrise – direkt behindert. Die eigenen Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten wurden nicht ernst genug genommen, weil den führenden Staatsmännern der demokratischen Länder von Finanzexperten gesagt wurde, dass die unsoliden Methoden der NS-Finanzierung unweigerlich zu einem baldigen Zusammenbruch führen müssten.“ (Fiscal Policy and the Federal Budget 1953)
Recht auf Arbeit
1939 reflektierte Colm seine Weimarer Zeit in Is Economic Security Worth the Cost und stellte die Frage, ob der Staat mit Beschäftigungsprogrammen ein einklagbares Recht auf Arbeit schaffen sollte:
„Stimmt es, dass – von Verfassungsrechtlern unbemerkt – der Liste, der in der Verfassung verankerten, unveräußerlichen Rechte eine Ergänzung hinzugefügt wurde? Ich meine das Recht, seinen Lebensunterhalt durch eigene Arbeit zu verdienen."
Diesen Gedanken griff Präsident Franklin D. Roosevelt auf, als er einen zweite Economic Bill of Rights mit ökonomischen Rechten – darunter ein Recht auf Arbeit – vorschlug, die die erste Bill of Rights mit Bürgerrechten ergänzen sollte.
Colm war hinter den Kulissen federführend an der Erstellung eines Wirtschaftsprogramms beteiligt, das als Full Employment Bill in den Kongress eingebracht wurde. Dieses hätte die Regierung dazu angehalten, aufzeigen, wie sie Vollbeschäftigung und Preisstabilität zu erreichen gedenkt. Nachbesserungen im Haushaltsplan beim Verfehlen dieser Ziele wären ebenfalls inbegriffen gewesen.
Doch dazu kam es nicht. Nach dem unzeitgemäßen Ableben Roosevelts und erheblichen Widerstand des Kongresses wurde das Gesetz stark verwässert als Employment Act verabschiedet. Das Ziel war nun nicht mehr „full“ sondern „maximum employment“.
Ein Trostpreis dürfte es für enttäuschte Fürsprecher gewesen sein, dass das Recht auf Arbeit 1948 in Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aufgenommen wurde. Zudem konnte Colm über den vom Employment Act gegründeten Council of Economic Advisors (CEA) Einfluss auf Präsident Truman ausüben.
Erinnerung an Colm
1952, während der McCarthy-Ära, drängte die „Red Scare” Colm aus dem CEA. Danach wurde er Chefökonom eines Think Tanks in Washington D.C., für den er bis zu seinem Tod arbeitete. Im Nachkriegsdeutschland war er trotz seiner Verdienste um die Währungsreform vielen Kollegen wegen seiner Auswanderung suspekt.
Der ordoliberale Ökonom Walter Eucken ließ in einem Briefwechsel mit Alexander Rüstow über Colm aus: Er hätte sich von Deutschland distanziert und sei seinem Vaterland mittlerweile sogar feindlich gesinnt. Brüning, der die Kürzungspolitik in der Großen Depression zu verantworten hatte, warf Colm gar vor, den Morgenthau-Plan zu unterstützen.
Später kam es zu einer gewissen Annäherung. 1960 erhielt Colm für seine Mitwirkung an der Währungsreform das Bundesverdienstkreuz, 1964 wurde er der erste Preisträger des Bernhard-Harms-Preis vom IfW – heute einem der renommiertesten Wirtschaftspreise. In einem Zeitzeichen-Podcast des NDR vom Dezember 2023 wertete der Historiker Gunnar Take diese Auszeichnung als Selbstbeweihräucherung eines Instituts, das versuche, seine braune Vergangenheit und seine Unterstützung der NS-Kriegswirtschaft zu kaschieren.
2024, einige Monate nach dem Erscheinen der Folge, wurde ein Besprechungsraum am Institut nach ihm benannt.
Seine wissenschaftlichen Leistungen sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Neben seiner historischen Rolle wurden jüngst auch seine wirtschaftlichen Beiträge und seine Analyse zur Rolle des Staates von manchen wiederentdeckt.[3]
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[1] Fiorito, Luca & Vernengo, Matías. (2011). Gerhard Colm on John Maurice Clark's Economics of Planning Public Works. Research in the History of Economic Thought and Methodology. 29 Part 1. An 83-93. 10.1108/S0743-4154(2011)000029A009.
[2] Schneider, M. (1983), Gewerkschaften und Wirtschaftskrise. Ein Streifzug durch die ‚Gewerkschafts-Zeitung‘, in Anhang zu: D. Dowe (Hrsg.) (1983), Gewerkschafts-Zeitung. Organ des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds. Jahrgänge 1929-1933, J. H. W. Dietz.
[3]Etwa in diesem Paper des Institut for Innovation and Public Purpose (IIPP) am University College London.