Auch die britische Monarchie gehört zu den Institutionen, die Polanski offen infrage stellt. Langfristig strebt er ihre Abschaffung und die Umwandlung Großbritanniens in eine Republik an. Das bleibt im Vereinigten Königreich bislang eine Minderheitenposition, die von den etablierten Parteien meist gemieden wird. Gleichwohl hat der Skandal um Prinz Andrew, der wegen seiner Verbindungen zum Umfeld des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein sämtliche militärischen Ehren, Schirmherrschaften und schließlich auch seinen Prinzentitel verlor, die Debatte über die Rolle der Monarchie neu entfacht.
Noch heikler ist eine andere Forderung der Grünen: Sie unterstützen das Recht Schottlands auf Unabhängigkeit. Die schottischen Grünen haben sich zwar organisatorisch von der Green Party of England and Wales getrennt, doch inhaltlich bleibt die Unterstützung für eine mögliche Aufspaltung des Vereinigten Königreichs bestehen. Polanski bekräftigte diese Position zuletzt im Oktober. Zugleich gehört seine Partei zu den wenigen politischen Kräften, die einen erneuten Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Union befürworten. Diese Haltung findet in Umfragen mehr Zustimmung als noch kurz nach dem Brexit, gilt politisch jedoch weiterhin als riskant, weil sie alte gesellschaftliche Konfliktlinien wieder aufreißen könnte.
Trotz dieser programmatischen Radikalität hat Polanskis Aufstieg bislang kaum an Dynamik verloren. Was ihm allerdings zuverlässig bleibt, ist eine ungewöhnlich aggressive mediale Begleitung. Reißerische Schlagzeilen und persönliche Angriffe gehören in der britischen Presselandschaft zwar zum Alltag, doch Polanski scheint davon überdurchschnittlich häufig betroffen zu sein.
Manches bewegt sich noch im Bereich grober Boulevardpolemik. Der Daily Express verspottete ihn etwa als „Spinner“, der wieder einmal mit einer „lächerlichen Idee“ auftauche. Die Daily Mail spottete über sein Aussehen und verglich seine Zahnlücken mit denen von Hannibal Lecter.
Andere Angriffe gehen deutlich weiter. So veröffentlichte ausgerechnet die Daily Mail – die auflagenstärkste Kaufzeitung des Landes – eine Karikatur Polanskis, in der seine Nase in klassisch antisemitischer Weise überzeichnet wurde. Besonders pikant wirkt das vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte des Blattes: In den 1930er Jahren unterstützte die Zeitung offen die faschistische British Union of Fascists und ihren Anführer Oswald Mosley.
Polanski und die MMT
Ein zentrales Element von Polanskis wirtschaftspolitischem Profil ist seine Nähe zur Modern Monetary Theory (MMT), einer makroökonomischen Denkschule, die sich bewusst vom ökonomischen Mainstream absetzt. Polanski hat an mehreren MMT-Veranstaltungen teilgenommen und steht nach eigenen Angaben im Austausch mit Vertreterinnen der Theorie wie Patricia Pino oder Sheridan Kates. Pino promoviert am University College London und betreibt einen einflussreichen MMT-Podcast, während Kates selbst bereits für die Grünen für das Unterhaus kandidiert hat.
Im Unterschied zu vielen linken Politikern, die inhaltlich ähnliche Positionen vertreten, sich aber mit ausdrücklichen Verweisen auf die MMT zurückhalten, zeigt Polanski hier wenig Scheu. Während etwa Bernie Sanders trotz enger Kontakte zur Ökonomin Stephanie Kelton die Theorie selten beim Namen nennt, diskutiert Polanski offen über ihre Grundlagen. Ein Beispiel ist eine rund einstündige Podcastfolge, in der er mit dem britischen MMT-Ökonomen Richard Murphy über staatliche Finanzpolitik spricht.
Dass Polanski kein Ökonom ist, wird dabei gelegentlich sichtbar. In einem Auftritt beim Politikpodcast The Rest is Politics, einem der meistgehörten Formate des Landes, konnte er auf Nachfrage einige makroökonomische Kennzahlen nicht benennen. Seine wirtschaftspolitischen Positionen dürften daher noch an Präzision gewinnen müssen, insbesondere wenn es darum geht, die Öffentlichkeit von einem stärker MMT-inspirierten Umgang mit Staatsfinanzen zu überzeugen.
Trotzdem zeigen Umfragen und Wahlergebnisse, dass sein Ansatz bereits viele Wähler anspricht. In den Medien haben seine Verbindungen zur MMT zunächst vor allem Empörung ausgelöst – was den Bekanntheitsgrad der Theorie im Vereinigten Königreich allerdings erheblich gesteigert hat. Inzwischen finden sich vereinzelt auch wohlwollendere Stimmen, etwa im Magazin New Statesman.
Innerhalb der Grünen stößt der neue wirtschaftspolitische Kurs jedoch nicht überall auf Zustimmung. Die frühere Parteivorsitzende Caroline Lucas gründete gemeinsam mit dem ehemaligen Jeremy-Corbyn-Berater James Meadway – einem entschiedenen Kritiker der MMT – den parteinahen Thinktank Verdant, der den Einfluss der Denkschule begrenzen soll.
Die Gegenseite reagierte prompt: Unterstützer der MMT gründeten mit der MMTUK Policy Research Group einen eigenen Thinktank. Dessen erste Studie widmet sich einem der zentralen Konzepte der Theorie – einer staatlichen Jobgarantie.
Der Ketchup-Effekt?
Polanski steht erst seit kurzer Zeit im Zentrum der nationalen Politik, und ob sein „Öko-Populismus“ dauerhaft trägt, ist offen. In der britischen Politik kommt es häufig vor, dass eine neue Parteiführung zunächst auf einer Welle der Aufmerksamkeit reitet, die bis zur nächsten Wahl wieder abebbt. Die nächste reguläre Unterhauswahl dürfte erst 2029 stattfinden – viel Zeit also, in der sich politische Stimmungen noch mehrfach drehen können.
Während die deutschen Grünen ihren Aufstieg über Jahrzehnte hinweg in einem „langen Marsch durch die Institutionen“ erkämpften, könnte die Entwicklung im Vereinigten Königreich ganz anders verlaufen. Eher wie bei einer Ketchupflasche: lange passiert wenig – und dann kommt plötzlich sehr viel auf einmal. Für die britische Politik würde das erhebliche Umbrüche bedeuten, möglicherweise sogar Debatten über den territorialen Zusammenhalt des Landes.