Was ist seit 2000 passiert? Haben wir diesen Vorteil gegenüber den USA immer noch?
Während das deutsche Produktivitätswachstum zurückging, hatten die Amerikaner etwa seit der Jahrhundertwende eine zirka zehnjährige Phase höherem Produktivitätswachstums, welches durch die Fortschritte im IT-Sektor befeuert wurde. Das amerikanische Modell brachte radikale Innovationen hervor, womit sie in der New Economy den Europäern voraus waren. Ab 2005 nimmt der Beitrag der IT am amerikanischen Produktivitätswachstum allerdings stark ab. Ab 2017 gibt es wieder ein kurzes Aufleben der amerikanischen Produktivitätsziffern, was vermutlich aber weniger mit technologischem Fortschritt zu tun hat, sondern mit Trumps und Bidens expansiver Fiskalpolitik, die den Auslastungsgrad der Wirtschaft erhöht hat.
Erklären Sie das genauer.
Bei Schwankungen im Auslastungsgrad fluktuiert die Wertschöpfung stärker als die Arbeitsstunden. Steigen also durch expansive Fiskalpolitik die Auftragseingänge, steigt die Wertschöpfung unmittelbar, während neue Mitarbeiter meistens erst mit einer gewissen Zeitverzögerung eingestellt werden. Dies weckt dann den Eindruck, dass die Produktivität im Aufschwung schneller steigt. Das tut sie vermutlich auch, allerdings weniger als es die Produktivitätsstatistik suggeriert. Im Konjunkturabschwung ergibt sich der gegenteilige Effekt: Sinken die Auftragseingänge dann werden nicht sofort sämtliche Mitarbeiter entlassen. Der Produktivitätszuwachs scheint dann niedriger zu sein.
Mit Blick auf die Produktivitätsentwicklung warnen Sie vor den negativen Effekten angebotsseitiger „Strukturreformen“ am Arbeitsmarkt. Nun werden insbesondere aus der CDU/CSU Stimmen laut, die eine Agenda 2030 fordern – angelehnt an Schröders Agenda 2010: Eine Flexibilisierung von Arbeitszeiten, eine Beschränkung des Rechts auf Teilzeit und ein härterer Umgang mit Grundsicherungsempfängern. Dabei fragt man sich: Welchen Einfluss hat die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik auf das Produktivitätswachstum?
Die Flexibilisierung von Arbeit durch die Angebotstheoretiker hat der Innovation und Produktivität deutlich geschadet. Dazu gibt es inzwischen einiges an Literatur. Nach den Hartz-Reformen in Deutschland schwächt sich das Produktivitätswachstum ab, wodurch für das Wirtschaftswachstum relativ mehr Arbeitskräfte nötig sind. Für Letzteres wurden die Hartz-Reformen hoch gelobt; über Ersteres (die Produktivität) hat man lieber geschwiegen. Offenbar machen sie sich bei der CDU jetzt schon Sorgen, dass durch das arbeitsintensivere Wachstum nach den Hartz-Reformen die industrielle Reservearmee zu klein wird, wodurch die Macht der Gewerkschaften steigt. Übrigens könnte die Flexibilisierung der Arbeitszeiten kontraproduktiv sein, da es vermutlich vor allem um die Freiheit der Unternehmer geht, die Arbeitszeiten zu bestimmen. Menschen die Kinder erziehen oder für Ihre Mitmenschen sorgen müssen, können dann bezahlte Arbeit schwieriger kombinieren mit ihren Sorgepflichten und verlassen den Arbeitsmarkt vielleicht komplett.
Die Arbeitslosenquote in Deutschland steigt. 2025 lag sie bei 6,3 Prozent und damit auf einem höheren Niveau als während der Corona-Pandemie. Wie hängt die Produktivitätsentwicklung mit der Arbeitslosigkeit zusammen?
Im Prinzip wird die Arbeitslosigkeit durch zwei Größen bestimmt: Das Wachstum des BIP im Verhältnis zum Wachstum des BIP pro Arbeitsstunde. Wächst das BIP schneller als das BIP pro Arbeitsstunde, dann sind extra Arbeitsstunden nötig. Im umgekehrten Fall kann man die Arbeitszeit senken. Der Verdienst der Hartz-Reformen ist, dass sie das Wachstum der Arbeitsproduktivität gesenkt haben, wodurch der Arbeitseinsatz leichter steigen kann. Allerdings werden (wie schon gesagt) bei einem geringerem Produktivitätswachstum auch die Verteilungsspielräume kleiner.
Das Ziel, die Produktivität weiter zu steigern, klingt natürlich immer vielversprechend. Aber haben wir das Potenzial dazu, oder ist dieses vielleicht schon ausgeschöpft?
Diese Frage erinnert mich an eine berühmte Aussprache eines Präsidenten des amerikanischen Patentamtes von vor über 100 Jahren. Er vermutete, dass das Patentamt in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren wohl geschlossen werden könnte: Die Menschheit hätte ja inzwischen alle wichtigen Erfindungen getan. Nein, die Produktivität wird auch in der Zukunft steigen. Sie steigt allerdings langsamer unter den Rahmenbedingungen neoliberaler Angebotspolitik.
Welche politischen Maßnahmen würden Sie vorschlagen, um die Produktivität anzukurbeln?
Es gibt eine Reihe von Argumenten warum neoliberale Angebotspolitik der Innovation und Produktivität (auch in Deutschland) geschadet hat. Die wichtigsten sind erstens die Schwächung der Tarifdeckung und der Flächentarifverträge, die zusammen mit Lohnzurückhaltung die Diffusion von Prozessinnovationen bremst. Zweitens erschweren flüchtigere Arbeitsbeziehungen mit mehr Flexjobs das Management von betriebsspezifischem Erfahrungswissen, sprich die permanente Durchentwicklung von Produkten, Prozessen und Systemen. Drittens erodiert durch leichtere Entlassungen die Betriebsbindung und -loyalität, wodurch technologisches Wissen schnell zu Konkurrenten abfließt. Durch diese externen Effekte lohnen Investitionen in neues Wissen weniger. Mit anderen Worten: gute Löhne sowie reguläre und langfristige Beschäftigungsverhältnisse steigern die Produktivität.