Beide Schlussfolgerungen sind falsch. Das, was in der Buchhaltung Kapitalexport genannt wird, ist aber keineswegs ein Kapitalstrom, sondern nur das Kreditvolumen, das vom Defizitland benötigt und im Defizitland aufgebracht wird, um die (überschüssigen) Exporte des Überschusslandes zu bezahlen. Es bleibt kein Euro oder Dollar übrig, mit dem man etwas anderes finanzieren könnte als genau die Summe, die dem Leistungsbilanzsaldo entspricht.
Die Tatsache, dass der Leistungsbilanzsaldo in der ex post Einkommensidentität als Differenz zwischen Sparen und Investieren bezeichnet werden kann, hat keine Bedeutung. Auch Sparen und Investieren sind in einer geschlossenen Volkswirtschaft (oder einer Volkswirtschaft mit einem ausgeglichenen Außenhandelssaldo) keineswegs ex ante gleich.
Es gibt auch keinen Mechanismus, der zuverlässig dafür sorgen würde (der von der Neoklassik postulierte Zinsmechanismus ist es jedenfalls nicht), dass Sparen gleich Investieren ist, ohne dass sich das Einkommen ändern muss, um diesen Ausgleich zustande zu bringen. So viel sollten auch verbohrte Neoklassiker aus der Keynesianischen Revolution mitbekommen haben. Für die von Martin Wolf erhoffte Umwandlung eines verringerten amerikanischen Staatsdefizits in außenwirtschaftliche Überschüsse oder sinkende Defizite gibt es nicht einmal theoretisch einen Mechanismus.
Um es provokativ zu sagen: Mit dem „Ungleichgewicht“ zwischen Sparen und Investieren den Verlust an Marktanteilen zu erklären, den Frankreich gegenüber Deutschland in China erlitten hat, weil es an Wettbewerbsfähigkeit verlor, ist offenkundig absurd. Auch eine Erklärung, die versucht, sich auf „Kapitalströme“ zu stützen, die in das Defizitland „geflossen“ seien, führt in die Irre. Das hieße, die Kredite, die französische Importeure aufgenommen haben, um deutsche Autos zu kaufen, weil die durch das deutsche Lohndumping günstiger geworden sind, als ursächlich für die französischen Verluste zu betrachten. Das ist schlicht absurd.
Was kann man gegen Ungleichgewichte tun?
Unbestritten war es viele Jahrzehnte lang, dass sich die benachteiligten Länder selbstverständlich gegen die artifiziellen und ungerechtfertigten Vorteile wehren und ihre Unternehmen vor den damit verbundenen Nachteilen schützen dürfen. Folglich kann man – auch entsprechend der Regeln der Welthandelsorganisation – eigene Zölle einzuführen, die eigene Währung abwerten oder ein Dumping-Verfahren gegen solche Länder anstrengen, die ihre heimischen Unternehmen stützen. Auch politischer Druck auf die eigenen Löhne zur Kompensation des ausländischen Lohnvorteils in Systemen fester Wechselkurse ist eine Möglichkeit.
Am einfachsten war es in der Vergangenheit zumeist, eine Abwertung der eigenen Währung hinzunehmen, sobald eine Zahlungsbilanzkrise ausbrach. Geriet ein Land in die Gefahr, die eigenen Importe nicht mehr ohne große Zinsaufschläge am Kapitalmarkt finanzieren zu können, wurde sowohl bei flexiblen als auch bei anpassungsfähigen Wechselkursen (wie etwa im System von Bretton Woods oder im Europäischen Währungssystem EWS) üblicherweise die Lösung in einer Abwertung gesucht. Diese senkte die Importe, stärkte die eigenen Exporte und verringerte auf diese Weise die Abhängigkeit vom Kapitalmarkt.
Flexible Wechselkurse waren und sind keine Lösung für Ungleichgewichte, weil die Devisenspekulation regelmäßig falsche Preise produziert. Auch feste Wechselkurse haben ihre Tücken. Feste Wechselkurse sind sozusagen das Versprechen der Handelspartner, den anderen nicht auf die eine oder andere Weise zu unterbieten, so dass das Ziehen der Option Wechselkursänderung notwendig wäre. Je stärker die Bindung der Wechselkurse, umso fester muss natürlich das Versprechen des Nicht-Unterbietens durch die Handelspartner sein, damit das System halten kann.
Deutschland hat in der Europäischen Währungsunion die merkantilistische Form des Unterbietens gewählt – nämlich durch eigenes Gürtel-enger-Schnallen. Damit ist das Versprechen, das der Vereinbarung, eine Währungsunion einzugehen, zugrunde liegt, gebrochen worden. Bei vernünftig konstruierten Verträgen müssten sich die Handelspartner daher auch nicht mehr an das Freihandelsgebot halten, könnten stattdessen gegenüber Deutschland Importzölle zur Kompensation des deutschen Dumpings einführen.
Das G 7 Papier zieht folgendes Fazit:
„Ein Leistungsbilanzdefizit ist nicht nur ein Handelsungleichgewicht – es spiegelt eine Lücke zwischen inländischen Ersparnissen und Investitionen wider und wird durch Nettokapitalzuflüsse finanziert, die sich im Laufe der Zeit zur Nettoauslandsvermögensposition des Landes summieren.“
Mein Fazit könnte nicht unterschiedlicher sein:
Ein Leistungsbilanzdefizit ist ein Indikator unter vielen für die Existenz eines Ungleichgewichts im internationalen Handel. Ein Ungleichgewicht zwischen Sparen und Investieren lässt sich aus der Existenz eines Leistungsbilanzsaldos nicht ableiten. Die Tatsache, dass ein Defizit durch Kredite finanziert wird, ist eine Trivialität. Die Kredite, die von Wirtschaftssubjekten im Defizitland aufgenommen werden müssen, bezeichnet man in der Zahlungsbilanzstatistik zwar als „Nettokapitalzufluss“, aber das ist reine Buchhaltung und hat keine wirtschaftliche Bedeutung. Es fließt kein Kapital vom Überschuss- zum Defizitland.
Die logische Restriktion
Ich muss noch einen Gedanken anhängen, den viele Kollegen für etwas abstrakt halten, den ich aber ungemein wichtig finde. Es gibt einen logisch zwingenden Grund, warum Sparen und Investieren niemals Leistungsbilanzsalden erklären kann.
Stellen wir uns vor, alle Länder der Welt hätten gleichartige Sparpläne – also zum Beispiel den Wunsch, mehr zu sparen, um für die Zukunft vorzusorgen. Dann muss es zwingend einen Mechanismus geben, der dafür sorgt, dass die Sparpläne in Übereinstimmung mit der logischen Notwendigkeit gebracht werden, für die Welt eine absolut ausgeglichene Leistungsbilanz herzustellen.
Der Kampf um Leistungsbilanzüberschüsse ist (anders als der gesamte Handel) ein Nullsummenspiel für alle Länder der Welt. Einige Länder müssen sich also zwingend von der Vorstellung verabschieden, durch vermehrtes Sparen Leistungsbilanzüberschüsse zu bilden. Wie geschieht das? Welchen Mechanismus gibt es, der die inkonsistenten Sparpläne korrigiert?
Die Neoklassik hat darauf keinerlei Antwort. Sie ignoriert dieses Problem und scheidet damit aus dem Rennen der ernst zu nehmenden Wirtschaftstheorien aus. Aber auch viele Keynesianer haben an dieser Stelle statt einer logisch zwingenden Erklärung eine große oder mehrere kleine Lücken.
Der Mechanismus, der den Leistungsbilanzsaldo für die Welt trotz anders geplanter Sparwünsche auf null bringt, kann nur ein Mechanismus sein, der selbst Nullsummencharakter besitzt, also immer dem einen nimmt, was er dem anderen gibt. Die beiden wichtigsten Mechanismen dieser Art sind die Veränderungen der Terms of Trade, also Veränderungen der Einfuhr- zu den Ausfuhrpreisen und – nah verwandt, aber nicht gleich – Veränderungen der Ausfuhrpreise (ausgedrückt in internationaler Währung) zueinander, also das, was man reale Wechselkursänderungen (also Veränderungen der Wettbewerbsfähigkeit von Ländern) nennt.
Das heißt, bei einer konsequenten Analyse können immer nur Preisverhältnisse im weitesten Sinne für Leistungsbilanzsalden verantwortlich sein