<p>Die Neoklassik behauptet: Erst wird gespart, dann investiert. Schumpeter und Keynes drehten die Logik um: Kapital entsteht nicht durch Verzicht, sondern durch Kredit, Nachfrage und Investitionen.</p>
Die Neoklassik behauptet: Erst wird gespart, dann investiert. Schumpeter und Keynes drehten die Logik um: Kapital entsteht nicht durch Verzicht, sondern durch Kredit, Nachfrage und Investitionen.
Das merkwürdigste Phänomen, das die neoklassische Ökonomik in ihrem Standardmodell geschaffen hat, ist das Kapital. Es schillert in vielen Farben und entzieht sich einer systematischen Analyse von vorneherein dadurch, dass die meisten Autoren nicht einmal versucht haben, die vielfältigen Eigenschaften, die man ihm zuschreibt, in eine gewisse Ordnung zu bringen. Es gibt Sachkapital, Finanzkapital, Gewinne, Kredit und unendlich viele Formen von Kapital, das als Wetteinsatz in einem gewaltigen Nullsummenspiel auf den Weltmärkten hin- und hergeschoben wird, ohne dass irgendjemand sagen könnte, welche Funktion es für die wirtschaftliche Entwicklung hat.
Tugend und Schmerz
Um die Rolle des Kapitals wirklich zu erfassen, haben die neoklassischen Ökonomen regelmäßig die ganze Komplexität der Welt eingedampft und haben sich zurückbesonnen auf die einfachsten wirtschaftlichen Verhältnisse, die es überhaupt gibt. Nur mit Hilfe von Robinson Crusoe auf seiner Insel können sie uns erklären, wie Kapital entsteht und wie wichtig und unverzichtbar dieses Kapital für die wirtschaftliche Entwicklung ist.
Crusoe lebt am Existenzminimum, weil er jeden Tag nur genauso so viele Fische mit der Hand fangen kann, wie er zum Überleben braucht. Will er den technischen Fortschritt nutzen und ein Netz knüpfen, muss er hungern. Er muss bewusst auf Einkommen und Konsum verzichten, um Kapital zu schaffen.
Das war die klare Botschaft, die zudem noch den Vorteil der Tugendhaftigkeit hatte: Nur wer verzichtet, wird belohnt! Nur wer bereit ist, auf den Konsum zu warten, statt schon heute alles zu verbrauchen, kann auf einen Mehrwert durch den „Produktionsumweg“ hoffen und auf eine Belohnung in Form des Zinses für seinen vorübergehenden Verzicht hoffen.



