Die Ursachen des Abwärtstrends nach Podkaminer
Wie ist die säkulare Verlangsamung von Wachstum und Produktivitätsfortschritt im Euroraum zu erklären? Podkaminer nennt als Ursachen unter anderem die erhöhte Flexibilität der Arbeitsmärkte, die einen Abwärtsdruck auf die Löhne ausübt und damit das Wachstum der Konsumnachfrage bremst, den Abbau des Sozialstaates sowie die wachsenden Handelsungleichgewichte zwischen den Ländern.
Tatsächlich wirkt sich sowohl die Dämpfung der Lohnentwicklung, die mit der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte verbunden ist, als auch der Abbau sozialstaatlicher Leistungen negativ auf den privaten Konsum aus. Die Verlangsamung des Wachstums des privaten Konsums wiederum geht mit einer Abschwächung des BIP-Wachstums einher, da der private Konsum die wichtigste Komponente des BIP darstellt.
Langfristig (und mittelfristig) ist mithin ein rasches BIP-Wachstum ohne ein rasches Konsumwachstum kaum möglich. Dabei ist – wie Podkaminer auch empirisch nachweist (Podkaminer 2015: 2f.) – der private Konsum tendenziell ein Vorläufer des BIP: Auf eine Verlangsamung des Konsumwachstums folgt in der Regel eine Verlangsamung des BIP-Wachstums (und nicht andersherum). Mit anderen Worten: Ein dynamischer privater Konsum ist für die Gesamtdynamik der Produktion unerlässlich. Damit ist die säkulare Abschwächung des Wachstums des privaten Konsums maßgeblich verantwortlich für die säkulare Abschwächung des Produktionswachstums.
Was die zunehmenden Handelsungleichgewichte betrifft, so wurde bereits in zahlreichen Artikeln auf MAKROSKOP beschrieben, wie Deutschland zu Beginn der 2000er Jahre unter der rot-grünen Regierung Schröder durch politischen Druck auf die Tarifpartner begann, über Lohnzurückhaltung seine Wettbewerbsfähigkeit im Rahmen der Europäischen Währungsunion zu erhöhen, in der das Instrument eines anpassungsfähigen nominalen Wechselkurses nicht mehr existiert. Dies führte zu immensen Leistungsbilanzüberschüssen Deutschlands, die in der Folge die Europäische Währungsunion massiv belasteten.
Podkaminer weist ebenfalls darauf hin, dass die Eindämmung der staatlichen Budgetdefizite entscheidend zur Stagnation des Produktionswachstums im Euroraum beigetragen hat. Der vorliegende Beitrag schließt sich dieser Position an, führt die zugrunde liegende Begründung jedoch in zentralen Punkten weiter und setzt dabei teilweise andere Akzente.
Die sektoralen Finanzierungssalden
Hier wird die These vertreten, dass die Länder des Euroraums ein robustes Produktions- und Produktivitätswachstum nur durch ein starkes Wachstum der Binnennachfrage erreichen und aufrechterhalten können. Letzteres wiederum erfordert anhaltende staatliche Budgetdefizite. Dies zeigt sich bereits bei einer Betrachtung der Beziehungen zwischen den sektoralen Finanzierungssalden. Wir haben auf MAKROSKOP immer wieder darauf hingewiesen, dass sich die Finanzierungssalden[2] der drei großen volkswirtschaftlichen Sektoren Staat, Privatsektor (Haushalte und Unternehmen inklusive Geschäftsbanken) und Ausland (der Finanzierungssaldo des Auslandssektors entspricht grob der Leistungsbilanz mit umgekehrtem Vorzeichen[3]) stets zu Null addieren müssen. Dies gilt für jedes einzelne Land der Eurozone, für die Eurozone insgesamt, aber auch für alle anderen Länder weltweit.
Die Gleichung der Finanzierungssalden lautet:
(1) (S – I) + (T – G) + ROW = 0,
wobei S das Sparen, I die privaten Investitionen, T die gesamten Nettosteuern (Steuereinnahmen[4] minus Transfer- und Zinszahlungen), G die staatlichen Konsum- und Investitionsausgaben und ROW den Finanzierungssaldo des Auslands bezeichnen. (S – I) stellt den Finanzierungssaldo des inländischen Privatsektors, (T – G) denjenigen des Staates dar.
Wenn wir zunächst vereinfachend annehmen, dass ROW = 0 ist, dann lässt sich die obige Gleichung wie folgt schreiben:
(2) (S – I) = (G – T)
Das heißt: Damit der inländische Privatsektor (Haushalte und Unternehmen) einen Finanzierungsüberschuss erzielen kann, muss der Staat ein Haushaltsdefizit aufweisen. Diese Beziehung ergibt sich unmittelbar aus der Saldenmechanik und gilt unabhängig davon, wie sich Einkommen und Beschäftigung entwickeln. Immer muss einer der inländischen Sektoren (Privatsektor oder Staat) ein Defizit verzeichnen, damit der andere Sektor einen Überschuss realisieren kann. Üblicherweise ist der inländische Privatsektor ein Überschusssektor, d. h., er baut systematisch Geldvermögen auf. Dies gilt insbesondere für die Haushalte, die beispielsweise aus Gründen der finanziellen Absicherung, Vorsorge oder Flexibilität netto sparen. Zusätzlich zu den privaten Haushalten weisen seit etwa 20 Jahren aber auch die Unternehmen in den meisten Ländern der westlichen Welt einen positiven Finanzierungssaldo auf, sind also ebenfalls zu Nettosparern geworden. Dieses Finanzierungsplus beim Privatsektor geht notwendigerweise mit einem entsprechenden Defizit des Staates (G > T) einher, wie Gleichung (2) zeigt.
Aufgabe des Staates ist es deshalb, seinen Haushaltssaldo auf ein Niveau zu bringen, das erforderlich ist, um die Nettosparwünsche des Privatsektors zu unterstützen und gleichzeitig Vollbeschäftigung aufrechtzuerhalten. Im Regelfall möchte der Privatsektor auch in Zeiten einer wirtschaftlichen Expansion einen Finanzierungsüberschuss erzielen: So verzeichnete etwa der Privatsektor im Euroraum, also in den Euroländern zusammengenommen, von 1997 bis 2024 mit nur einer einzigen Ausnahme (nämlich im Jahr 2000) in jedem Jahr positive Finanzierungssalden (vgl. hier). Dies erfordert dann auch während einer Expansion ein Defizit des Staates. Kontinuierliche Budgetdefizite sind unter diesen Bedingungen unproblematisch: Sie können zeitlich unbegrenzt beibehalten werden, ohne einen Inflationsdruck auszulösen, solange das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage das Wachstum des Produktionspotenzials nicht übersteigt.
Allerdings gibt es Länder, in denen trotz eines positiven Finanzierungssaldos des Privatsektors staatliche Budgetüberschüsse auftreten – etwa in Deutschland von 2013 bis 2019. Dies ist aber nur unter bestimmten Bedingungen möglich. Dazu ist es notwendig, den bei der Betrachtung der sektoralen Finanzierungssalden zunächst ausgeklammerten Sektor Ausland in die Analyse einzubeziehen, also zu Gleichung (1) zurückzukehren.
Tatsächlich erhält in einem Land mit einem Leistungsbilanzüberschuss – also einem negativen Finanzierungssaldo des Auslands – der Staatssektor Spielraum für einen Budgetüberschuss, sofern und solange der negative Finanzierungssaldo des Auslands den positiven Finanzierungssaldo des inländischen Privatsektors mehr als ausgleicht. Hinreichend hohe Leistungsbilanzüberschüsse eröffnen mithin dem Staatssektor eines Landes die Möglichkeit, Budgetüberschüsse zu realisieren, ohne die Nettosparwünsche des inländischen Privatsektors als Ganzem zu unterminieren. Eine solche Konstellation ist aber niemals in allen Ländern gleichzeitig möglich, da die Summe aller Leistungsbilanzsalden null ergeben muss (die Überschüsse des einen sind die Defizite eines anderen) und die Welt insgesamt folglich keine Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen kann.
Ganz anders ist die Situation in Leistungsbilanzdefizitländern: Sie sind oft stärker als die Überschussländer auf Staatsdefizite angewiesen, da bei ihnen die Finanzierungsdefizite des Staates nicht nur die Finanzierungsüberschüsse des Privatsektors, sondern zusätzlich auch diejenigen des Auslands kompensieren müssen. Dies war beispielsweise in Frankreich von 2007 bis 2018 durchgängig der Fall (vgl. hier).
Das Domar-Problem
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum ein kräftiges Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und damit anhaltende Haushaltsdefizite für ein nachhaltiges Produktions- und Produktivitätswachstum unabdingbar sind – nämlich das sogenannte Domar-Problem, benannt nach dem US-Ökonomen Evsey Domar. Es beschreibt die Tendenz, dass die Angebotseffekte von Investitionen die Nachfrageeffekte übersteigen. John Maynard Keynes hatte in seiner „General Theory“ die nachfrageseitigen Auswirkungen von Investitionen behandelt: Steigende Investitionen erzeugen Einkommen, das wiederum zu Konsumausgaben über den Multiplikator[5] führt. In seinem Ansatz "treiben" die Fluktuationen der Investitionen die Volkswirtschaft an. Da Keynes vor allem die kurzfristige Bestimmung von Produktion und Beschäftigung analysierte, tendierte er dazu, die Produktionskapazität der Volkswirtschaft als gegeben anzunehmen. Das heißt, er behandelt Investitionen nur als ein einkommensschaffendes Instrument, lässt aber ihre Effekte auf die Kapazität unberücksichtigt.
Evsey Domar (1957) hatte jedoch schon früh erkannt, dass man den Kapazitätszuwachs als Folge der Investitionen nicht ignorieren darf. Er befasst sich mit dem „dualen Charakter des Investitionsprozesses; d.h. mit der Tatsache, dass Investitionen nicht nur Einkommen erzeugen, sondern auch die Produktionskapazität erhöhen“ (S. 84). Investitionen steigern einerseits über den Multiplikator die Gesamtnachfrage in der gegenwärtigen Zeitperiode. Andererseits erhöhen die Nettoinvestitionen die Produktionskapazität der Volkswirtschaft in der nächsten Zeitperiode, indem sie Ausrüstungen wie Maschinen und Produktionsanlagen sowie Bauten und sonstige Anlagen hinzufügen.
Folglich muss die Gesamtnachfrage in der nächsten Zeitperiode weiter steigen, um diesem Wachstum der Kapazität zu entsprechen und Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Pointiert lässt sich sagen, dass die Ausgabenseite der Volkswirtschaft immer dem von ihr geschaffenen Kapazitätszuwachs hinterherläuft, wobei technologischer Fortschritt und Innovationen den Kapazitätseffekt der Investitionen steigern.
Etwas präziser formuliert bedeutet dies: Damit die durch zusätzliche Investitionen geschaffene Produktionskapazität ausgelastet wird, muss die durch diese Investitionen ausgelöste zusätzliche Nachfrage mit derselben Wachstumsrate steigen wie die Produktionskapazität.
Es gibt jedoch keine Garantie, dass die zusätzliche Nachfrage die zusätzliche Kapazität tatsächlich absorbiert, dass also der nachfrageseitige Effekt der Investitionen dem angebotsseitigen entspricht. Sind die Nettoinvestitionen konstant und erweitern dadurch die Kapazität fortlaufend, ist es vielmehr unwahrscheinlich, dass die Gesamtnachfrage dauerhaft rasch genug wächst, um eine volle Auslastung des Kapitalstocks zu gewährleisten.
Der Grund liegt in der Persistenz des Kapazitätseffekts: Zwar ist es durchaus möglich und sogar wahrscheinlich, dass der Anstieg des Volkseinkommens zunächst größer ist als derjenige der Kapazität; doch der Einkommenseffekt ist temporär: Er schwächt sich im Zeitablauf ab und kommt schließlich zum Erliegen (der übliche Multiplikatoreffekt), während die durch die Investition geschaffene Kapazität dauerhaft bestehen bleibt.
Multiplikator und Akzelerator
Das Problem kann nach L. Randall Wray (2022: 289) noch durch das Wirken des sogenannten Akzelerators verstärkt werden: Der Anstieg des Volkseinkommens durch den Multiplikator regt über den Akzelerator zusätzliche Investitionen an. Nach dem Akzelerator-Modell vergrößern die Unternehmen ihren Kapitalstock durch Investitionsausgaben, um genügend Kapital zur Produktion der erwarteten Nachfrage nach ihren Produkten zur Verfügung zu haben. Um dies an einem einfachen Beispiel zu verdeutlichen: Ist ein Kapitaleinsatz von 4000 Euro erforderlich, um zusätzliche 2000 Euro in Gestalt von Konsumgütern herstellen zu können, so „akzeleriert“ eine zusätzliche Konsumausgabe in Höhe von 2000 Euro die Investitionen auf den doppelten Betrag – der Akzelerator (Akzelerationskoeffizient) beträgt mithin 2.
Es ergibt sich somit eine Interaktion zwischen Multiplikator und Akzelerator, also zwischen der durch eine Erhöhung der Investitionen bewirkten Einkommenssteigerung und der Aufstockung der Investitionspläne, die aus einer Einkommenssteigerung resultieren.
Aus den vorangegangenen Überlegungen ergibt sich die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage schnell genug wächst, um die durch Neuinvestitionen bewirkte Kapazitätserweiterung auszulasten. Hier kommt eine Ausweitung anderer Nachfragekomponenten (Ausgaben der privaten Haushalte, des Auslands oder Staatsausgaben) in Betracht. Die US-amerikanischen Ökonomen John Walker und Harold Vatter (1983, 1989, 1997) argumentieren, dass unter normalen Bedingungen vor allem eine Erhöhung der Staatsausgaben erforderlich sei, um die durch private Investitionen geschaffene Kapazität zu absorbieren. Tatsächlich betonen sie sogar häufig, dass die Staatsausgaben schneller wachsen müssten als das Bruttoinlandsprodukt, um eine Tendenz zur Stagnation zu vermeiden.
Erforderlich ist demnach nicht eine antizyklische Variation der Staatsausgaben zur Dämpfung der Konjunkturschwankungen, sondern ein Anstieg der Staatsausgaben, wenn die Investitionen zunehmen (um die erzeugte Kapazität zu absorbieren), und ebenso, wenn die Investitionen sinken (um einen Einbruch der effektiven Nachfrage zu verhindern). Erhöhe eine Regierung ihre Ausgaben und die Beschäftigung in einer Rezession, um dann den fiskalpolitischen Stimulus zurückzunehmen, wenn eine Expansion der Wirtschaft einsetze, stelle sie damit eine Situation der Überschusskapazität wieder her.
Reproduktive versus unreproduktive Staatsausgaben
Im Ergebnis bedeutet dies: Ein robustes Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktion und Produktivität lässt sich nur durch ein entsprechend dynamisches Wachstum der inländischen Nachfrage aufrechterhalten. Eine solche Nachfragedynamik kann jedoch nur durch kontinuierliche staatliche Defizitausgaben generiert werden. Nun gehen aber nicht von allen Staatsausgaben die gleichen gesamtwirtschaftlichen Wirkungen aus. Wie wir schon oft auf Makroskop dargestellt haben (hier und hier), ist hier eine Unterteilung in reproduktive und unreproduktive Staatsausgaben sinnvoll. Reproduktive Ausgaben sind Ausgaben für reproduktive Gebrauchswerte, worunter Gebrauchswerte zu verstehen sind, die als Produktionsmittel und Lohngüter von neuem in den gesellschaftlichen Produktionsprozess eingehen. Zu den reproduktiven Gebrauchswerten zählen also unter anderem Maschinen und Anlagen. Kommt in einem Unternehmen eine normale Produktionsmaschine zum Einsatz, so erzeugt sie oft über viele Jahre hinweg Güter. Handelt es sich bei ihr um eine Prozessinnovation, also z.B. eine neue oder merklich verbesserte Fertigungs- oder Verfahrenstechnik, kann darüber hinaus die Arbeitsproduktivität wesentlich erhöht werden.
Reproduktive Staatsausgaben dienen der gesellschaftlichen Reproduktion des Kapitals bzw. der Herstellung bestimmter allgemeiner Bedingungen dieser Reproduktion auf der Ebene des realen Produktionsprozesses (beispielsweise Verkehrsinfrastruktur- und Energieinfrastrukturausgaben) sowie der gesellschaftlichen Reproduktion der Arbeitskraft (Ausgaben für Bildung, Gesundheit, soziale Sicherung, Wohnungswesen etc.). Sie haben ein klares produktivitätssteigerndes Potenzial, wie zahlreiche Studien beispielsweise zu den Effekten von Infrastrukturinvestitionen belegen.
Unreproduktiv sind demgegenüber Staatsausgaben für Gebrauchswerte, die nicht wieder in den Produktionsprozess eingehen und die also weder Produktionsmittel noch Lohngüter sind. Diese Ausgaben dienen vielmehr der politischen, militärischen, polizeilichen, administrativen, rechtlichen und kulturellen Sicherung des gesellschaftlichen Gesamtsystems. Als zentrales Beispiel lassen sich Militärgüter anführen: Da Kampfdrohnen, Kampfpanzer, Bordkanonen oder Lenkflugkörper – anders als Produktionsmaschinen und -anlagen – in der Regel keine Verwendung im Produktionsprozess anderer Unternehmen oder Industrien finden, tragen sie auch nicht direkt zur Steigerung der Arbeitsproduktivität in diesen Bereichen bei.
Damit soll keineswegs bestritten werden, dass von höheren Militärausgaben kurzfristig positive gesamtwirtschaftliche Effekte ausgehen können: Die Beschäftigten in den Unternehmen, die Rüstungsgüter produzieren, geben einen hohen Anteil ihrer Einkommen in der Binnenwirtschaft aus und stimulieren so die Nachfrage. Die Effekte beschränken sich jedoch weitgehend auf kurzfristige Nachfrageimpulse.
Demgegenüber bleibt es bei reproduktiven Ausgaben etwa für Maschinen, Produktionsanlagen, Werkzeuge oder für Infrastruktur nicht bei dieser ersten Wirkungsrunde. Sie besitzen das Potenzial, in zweiter Runde langfristige Effekte in Form von Produktivitäts- und Wachstumssteigerungen zu entfalten, von denen die Volkswirtschaft viele Jahre profitiert.
Die Wirtschaft profitiert aber wenig von Rüstungsgütern, denn diese dienen nicht der Erweiterung der zivilen Produktionskapazität und werden nach ihrer Herstellung überwiegend in Waffenarsenalen gelagert, um dann, wenn sie nicht mehr funktionstüchig sind, ausgemustert und demontiert zu werden. Und dies ist sogar noch der günstigere Fall, wie die bedeutende britische Ökonomin Joan Robinson (1979: 125) scharfzüngig feststellte: „Investitionen in Rüstungsgüter tragen noch weniger zur Produktionskapazität bei, wenn sie genutzt werden, als wenn sie ungenutzt bleiben […].“
Staatliche Schließung der Ausgabenlücke
Was folgt daraus? Wenn die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität erhöht werden soll, sind reproduktive Staatsausgaben weitaus sinnvoller und wirksamer als unreproduktive Staatsausgaben. Dabei darf jedoch die Nachfrageseite nicht außer Acht gelassen werden: Die Entwicklung der Arbeitsproduktivität bestimmt zwar maßgeblich das Wirtschaftswachstum, da sie das potenzielle Outputniveau einer Volkswirtschaft erhöht. Ob dieses Potenzial tatsächlich ausgeschöpft wird, hängt jedoch von der Entwicklung der effektiven Nachfrage ab.
Damit lässt sich die obige Aussage zur wirtschaftspolitischen Aufgabe des Staates verallgemeinern: Er sollte mit seiner Fiskalpolitik dafür Sorge tragen, dass keine Ausgabenlücke entsteht. Eine solche liegt vor, wenn die gesamtwirtschaftlichen Ausgaben – und damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage – nicht ausreichen, um ein Outputniveau zu realisieren, das beim jeweils erreichten Produktivitätsstand Vollbeschäftigung ermöglicht. Mit anderen Worten: Bei Vollbeschäftigung besteht keine Ausgabenlücke.
Unter der Annahme, dass die Geldpolitik nur eine begrenzte Wirksamkeit als Stabilisierungsinstrument entfaltet, kann eine Ausgabenlücke, die durch einen Rückgang privater Ausgaben ausgehend von einem Zustand der Vollbeschäftigung entsteht, nur durch fiskalpolitische Impulse geschlossen werden: entweder direkt durch höhere staatliche Ausgaben oder indirekt durch Steuersenkungen, die das verfügbare Einkommen erhöhen und damit die privaten Ausgaben stimulieren.
Die Eurozone braucht höhere Staatsdefizite
Was folgt daraus für den Euroraum? Die Daten deuten darauf hin, dass die Eurozone noch weit von Vollbeschäftigung entfernt ist. Ein Vergleich mit den USA unterstreicht dies: Seit 2018 liegt die Arbeitslosenquote im Euroraum (EA20) durchgängig und meist deutlich über derjenigen der Vereinigten Staaten. Eine Ausnahme bildet lediglich das Corona-Jahr 2020, in dem sich beide Werte nahezu anglichen. Zugleich verzeichneten die USA im selben Zeitraum höhere reale Wachstumsraten – besonders in den Jahren 2023 und 2024, als sie dort nahezu drei Prozent erreichten, während sie in der Eurozone unter einem Prozent blieben (Flassbeck/Münster 2026).
Betrachtet man nun die staatlichen Finanzierungssalden in beiden Ländern, so zeigt sich, dass die Defizite im Zeitraum 2018 bis 2024 in den USA in allen Jahren höher als im Euroraum lagen (beispielsweise betrug das Staatsdefizit in den Jahren 2023 und 2024 im Euroraum 3,5 beziehungsweise 3,1 Prozent, in den USA dagegen 7,8 respektive 8,0 Prozent). Dies stellt einen wesentlichen Faktor zur Erklärung der deutlich besseren Beschäftigungs- und Wachstumsergebnisse in den USA im Vergleich zum Euroraum dar.
Die Analyse legt nahe: Der Euroraum benötigt gegenwärtig und auf absehbare Zeit deutlich höhere staatliche Budgetdefizite, um das bestehende Nachfrageproblem zu überwinden und die wirtschaftliche Stagnation zu beenden. Dabei sollten reproduktive Staatsausgaben gegenüber unreproduktiven Ausgaben präferiert werden, insbesondere gegenüber Militärausgaben. Dem stehen jedoch sowohl dysfunktionale europäische Schuldenregeln als auch eine bislang unzureichende politische Einsicht in die Notwendigkeit eines grundlegenden wirtschaftspolitischen Kurswechsels entgegen.
[1] Die Abschwächung der Wachstumsdynamik seit 2022 steht natürlich auch im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Krieges, insbesondere steigenden Energiepreisen und erhöhter Unsicherheit.
[2] In der Regel sind während eines bestimmten Zeitraums die Einnahmen eines Wirtschaftssubjekts oder Sektors nicht gleich seinen Ausgaben. Wenn die Einnahmen überwiegen, liegt ein Einnahmenüberschuss (oder Finanzierungsüberschuss bzw. positiver Finanzierungssaldo) vor, der das Geldvermögen erhöht. Umgekehrt führt ein Ausgabenüberschuss (oder Finanzierungsdefizit bzw. negativer Finanzierungssaldo) zu einer Verringerung des Geldvermögens. Unter (Netto-) Geldvermögen ist hierbei die Differenz aus monetären Forderungen und monetären Verbindlichkeiten zu verstehen.
[3] Das stimmt nicht ganz exakt, sondern nur näherungsweise. Strenggenommen entspricht der Finanzierungssaldo des Auslandssektors dem negativen Saldo aus Leistungsbilanz und den Vermögensübertragungen zwischen In- und Ausland.
[4] Mit Steuereinnahmen sind hier vereinfachend alle laufenden Einnahmen des Staates gemeint.
[5] Der Multiplikator besagt, dass ein Zusammenhang zwischen zusätzlichen Investitionen und Einkommenszuwachs existiert. Eine anfängliche Steigerung der Investitionen bringt nach einer Reihe von Perioden eine mehrfach so große Erhöhung der Konsumausgaben und des Einkommens hervor. Denn Investitionsausgaben stellen für die Empfänger der Ausgaben Einkommen dar. Die Empfänger werden einen großen Teil ihres Einkommenszuwachses für Konsumgüter ausgeben. Diese Konsumausgaben bedeuten für die Beschäftigten in der Konsumgüterindustrie zusätzliches Einkommen; auch sie werden einen Großteil ihres Einkommenszuwachses wieder für Konsumgüter ausgeben usw. Vgl. Keynes, J.M. (1967), S. 113-131.