Wenn ich beide Rasen mähe und er beide Hecken schneidet, braucht er nur 4 Stunden statt 5 und ich nur 12 Stunden statt 14. Wir haben durch die Spezialisierung beide also immer noch einen Vorteil, obwohl ich in Beidem schlechter bin.«
»Das ist das Prinzip des komparativen Vorteils, das David Ricardo in seinem 1817 erschienen Werk On the Principles of Political Economy and Taxation beschrieben hat. Er hat das Prinzip natürlich nicht am Beispiel vom Heckenschneiden und Rasenmähen erklärt, sondern am Handel mit Tuch und Wein zwischen England und Portugal. Selbst wenn England in beiden Bereichen produktiver ist als Portugal, kann es bei einem komparativen Vorteil durch den Freihandel seinen Wohlstand vergrößern. England beschränkt sich in Ricardos Beispiel auf das Tuch und Portugal auf den Wein, die dann getauscht werden.
Ricardos Prinzip wird bis heute in den neoklassischen Lehrbüchern verwendet, um den Freihandel zu verteidigen. Andere Ökonomen haben später versucht zu zeigen, dass auch andere Arten von Spezialisierungen zwischen Ländern zu größerem Wohlstand führen. Das neoklassische Hekscher-Olin-Theorem beispielsweise betrifft die Spezialisierung auf kapitalintensive Güter wie Smartphones und arbeitsintensive Güter wie Kleider.«
»Jetzt mal eine ganz simple Frage: Was bedeutet denn ›Freihandel‹ eigentlich?«
»Das erkläre ich am besten am Gegenteil: Der Handel mit harten Drogen ist bei uns nicht frei, sondern stark beschränkt. Es gibt Ausnahmen in der Medizin, ansonsten ist der Handel mit Drogen verboten. Solche Beschränkungen gibt es auch zwischen Ländern. Zum Beispiel ist es verboten, Schweinefleisch nach Saudi-Arabien einzuführen. Eine ähnliche Maßnahme sind Importquoten: Ein Gut darf nur bis zu einer bestimmten Mengengrenze eingeführt werden.
Viel häufiger als Verbote sind aber indirekte Hemmnisse. Das bekannteste ist der Zoll: Ausländische Produkte erhalten einen Aufpreis, den der Staat kassiert. Das macht den Verkauf des Produkts in diesem Land weniger attraktiv. Ein besondere Form von Zöllen sind Zollkontingente: Auch die EU erhöht den Zoll für manche Güter erheblich, wenn die Importe eine bestimmte Menge überschreiten. Dann gibt es Hemmnisse, die sich auf Eigenschaften der Produkte beziehen. Ein Land kann zum Beispiel bestimmte Qualitätsstandards oder Verpackungsvorschriften verlangen. Werden diese Vorschriften nicht erfüllt, darf das Produkt nicht eingeführt werden.
Eine weitere wichtige Möglichkeit, Einfuhren zu hemmen, ist die finanzielle Förderung eigener Unternehmen, also Subventionen. Die gibt es zum Beispiel häufig in der Landwirtschaft. Bauern erhalten vom Staat Gelder, mit denen sie ihre Kartoffeln, Tomaten oder Gurken deutlich billiger anbieten können. Dadurch werden importierte Lebensmittel relativ teurer, also lohnt sich ihre Einfuhr weniger oder gar nicht. Freihandel bedeutet wie gesagt das Gegenteil von alledem: Zwischen Staaten werden Zölle und andere Handelshemmnisse aufgehoben. Jeder kann in dem anderen Land verkaufen was er will und so viel er will.«
»Habe ich verstanden. Aber wir wollten ja auf die Weltwirtschaft hinaus. Wie sieht es denn mit dem Freihandel in der Weltwirtschaft tatsächlich aus? Hat sich Ricardos Theorie bewährt? Hat der Freihandel den Wohlstand vergrößert?«
»Nach einer verbreiteten Sicht haben Freihandel und Globalisierung erheblich zum Wohlstand beigetragen.[iv] Die Lokomotive dieser Entwicklung war nach dieser Erzählung England, das seit dem 18. Jahrhundert freie Märkte und freien Handel gefördert hat. Der wirtschaftliche Aufstieg Englands überzeugte viele andere Nationen von dieser Politik, die seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein enormes Wachstum der Weltwirtschaft hervorbrachte. Zwischen dem Ende des Ersten und Zweiten Weltkriegs gab es zwar erhebliche Rückschritte, danach wurde der Freihandel aber wieder gezielt gefördert.
1947 schlossen 23 Staaten, unter ihnen Großbritannien, Frankreich und die USA, einen Handelsvertrag ab, der üblicherweise mit GATT abgekürzt wird. Dieser Vertrag sollte helfen, Handelsbarrieren zu reduzieren. Seit seiner Gründung gab es immer wieder große Verhandlungsrunden, in denen die durchschnittlichen Zölle zwischen den beteiligten Ländern tatsächlich gesenkt wurden. Für den Vertrag wurde in Genf ein Sekretariat eingerichtet, das 1995 von einer großen Organisation abgelöst wurde: die berühmten Welthandelsorganisation (WTO). Zwar setzten viele Entwicklungsländer nach der Dekolonisation zunächst auf den Protektionismus, seit den 80er Jahren verhalf die neoliberale Revolution aber nicht nur dem Freihandel, sondern auch nationalen freien Märkten international zum Durchbruch. Ein Aushängeschild für diese Wirtschaftspolitik waren nach dieser Sichtweise die Wirtschaftswunder in Ostasien, die ebenfalls auf Freihandel und freie Märkte gesetzt hatten.«
»Und wie wurde diese Politik in den Entwicklungsländern umgesetzt?«
»Eine wichtige Rolle spielten der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Beide sind Sonderorganisationen der Vereinten Nationen. Die Weltbank sollte ursprünglich den Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs durch Kredite unterstützen und der IWF sollte für stabile Währungen sorgen. Heute vergibt die Weltbank vor allem Kredite an Entwicklungsländer, um deren Wirtschaft zu fördern und die Armut zu bekämpfen. Auch der IWF vergibt Kredite an Mitgliedsländer, die in Zahlungsschwierigkeiten gekommen sind. In den 80er und 90er Jahren erhielten viele Entwicklungsländer von diesen Institutionen Kredite, mussten aber dafür in ihrem Land die freie Marktwirtschaft fördern. Die staatliche Unterstützung von Schulen, Krankenhäusern und Arbeitslosen wurde zurückgefahren. Arbeitnehmern konnte leichter gekündigt werden und staatliche Unternehmen wurden privatisiert. Aber gerade auch Handelshemmnisse wurden abgebaut. Diese Programme werden als ›Washington Consensus‹ bezeichnet, bei deren Durchsetzung die USA eine zentrale Rolle spielten.«
»Wenn man an die Vorgeschichte im 19. Jahrhundert und an die Wirtschaftswunder in Ostasien denkt, dann muss diese Wirtschaftspolitik doch sehr erfolgreich gewesen sein.«
»Tatsächlich wird der Freihandel von neoklassischen und neoliberalen Ökonomen bis heute entschieden befürwortet. Trotz mancher Kritik am Washington Consensus, auch in den eigenen Reihen, wird auch er als erfolgreich verteidigt.«[v]
»Dann war der Erfolg gar nicht so eindeutig?«
»Aus postkeynesianischer Sicht überzeugen weder die ökonomische Theorie noch deren Erfolgsgeschichte in der Weltwirtschaft.«
Dieser Beitrag erschien usprünglich am 7. Juli 2021. Erfahren Sie im nächsten Artikel, welche Argumente von heterodoxen Ökonomen gegen die Freihandelstheorie angeführt werden und was gegen die Erfolgsgeschichte des Freihandels spricht.
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[i] Vgl. Chang, Ha-Joon (2008): Bad Samaritans. The Myth of Free Trade and the Secret History of Capitalism. S. 19f.
[ii] Eine plurale Einführung bietet: Lichtenstein, Peter M. (2016): Theories of International Economics, London/NewYork.
[iii] Das Beispiel entstammt folgendem Artikel: Komparativer Kostenvorteil: In: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Komparativer_Kostenvorteil (letzter Aufruf: 6.7.2021).
[iv] Vgl. Chang, Ha-Joon, S. 21 -23.
[v] Grier, Kevin B./ Grier, Robin M.(2021): The Washington consensus works: Causal effects of reform, 1970-2015. Journal of Comparative Economics, Volume 49, Issue 1, S. 59-72.