<p>Die amerikanische Wirtschaft steckt in einer paradoxen Lage – einer Art chinesischer Fingerfalle: Jeder Versuch, sich zu befreien, verschärft die Bindung.</p>
Die amerikanische Wirtschaft steckt in einer paradoxen Lage – einer Art chinesischer Fingerfalle: Jeder Versuch, sich zu befreien, verschärft die Bindung.
Um die gegenwärtige wirtschaftliche und politische Stagnation in den USA zu überwinden, wären Maßnahmen nötig, die den Aktienmarkt belasten würden. Doch genau das ist politisch kaum denkbar. Denn ein fallender Markt würde nicht nur Vermögen vernichten, sondern zentrale Institutionen destabilisieren.
Zwei Ereignisse der jüngsten Vergangenheit machen das Dilemma besonders deutlich – beide im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz.
Im Bundesstaat Maine legte die demokratische Gouverneurin Janet Mills ihr Veto gegen ein Gesetz ein, das den Bau weiterer Rechenzentren vorübergehend aussetzen sollte. Der Vorschlag, unterstützt von Bernie Sanders und populistischen Demokraten, war in der Bevölkerung breit akzeptiert. Dennoch wurde er gestoppt.
Fast gleichzeitig verabschiedete der Auswärtige Ausschuss des Repräsentantenhauses nahezu geräuschlos den „Full Stack AI Export Promotion Act“. Das Gesetz macht mehrere US-Ministerien faktisch zu einer Art Vertriebsarm für große KI-Unternehmen wie Google, OpenAI oder Anthropic. Widerstand? Kaum vorhanden. Die Abstimmung fiel mit 37 zu 7 deutlich aus – Gegenstimmen kamen fast ausschließlich aus dem linken Flügel.
Beide Entscheidungen stehen im Widerspruch zur öffentlichen Stimmung. Die Skepsis gegenüber generativer KI wächst rapide. In Virginia etwa fiel die Zustimmung zu Rechenzentren innerhalb weniger Jahre von 69 auf 37 Prozent. Rund 80 Prozent der Amerikaner äußern zumindest gewisse Bedenken gegenüber der Technologie.
Und dennoch fördern politische Eliten beider Parteien die Expansion der Branche. Donald Trump setzt offen auf Subventionen für Rechenzentren. Viele etablierte Demokraten wiederum zeigen sich auffallend zurückhaltend, wenn es um regulatorische Eingriffe in dominante Tech-Konzerne geht. Doch Korruption allein erklärt dieses Verhalten nicht. Der entscheidende Faktor ist der Aktienmarkt.
Ein Großteil der gegenwärtigen KI-Politik dient weniger technologischen Zielen als der Stabilisierung der Finanzmärkte. Die Bedeutung der großen Tech-Konzerne für die Entwicklung der Börse ist inzwischen so groß, dass ohne sie die Gesamtbewertung des Marktes deutlich schwächer ausfallen würde. Wie das Wall Street Journal jüngst festhielt, tragen wenige Unternehmen – darunter Apple, Microsoft, Nvidia und Alphabet – den Großteil der Kursgewinne.
Gleichzeitig ist die amerikanische Gesellschaft heute stärker denn je vom Aktienmarkt abhängig. Über 60 Prozent der Haushalte besitzen Aktien, häufig über Altersvorsorgeprodukte. Auch öffentliche Institutionen – Städte, Bundesstaaten, Universitäten, Gewerkschaften – sind eng mit den Kapitalmärkten verflochten.
Die Dimension dieser Entwicklung ist erheblich. Das Finanzvermögen amerikanischer Haushalte ist seit den späten 1970er Jahren von rund fünf Billionen auf über 120 Billionen Dollar gestiegen. Aktien spielen dabei eine zunehmend dominante Rolle.
Damit ist nicht nur individuelles Vermögen betroffen. Die gesamte institutionelle Struktur des Landes ist an steigende Kurse gekoppelt. Unternehmensvergütungen hängen von Aktienpreisen ab, Pensionssysteme ebenso. Staatshaushalte profitieren von Kapitalerträgen. Selbst geopolitisch ist der Markt relevant, da ausländische Investoren einen erheblichen Anteil halten und damit zur Finanzierung der US-Wirtschaft beitragen.
Ein deutlicher Rückgang der Börsenwerte hätte daher systemische Folgen. Er würde Vermögensverhältnisse verschieben, die institutionelle Stabilität gefährden und möglicherweise politische Verwerfungen auslösen. Historische Erfahrungen – etwa die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre – zeigen, wie eng wirtschaftliche Schocks und politische Umbrüche miteinander verknüpft sein können.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum politische Entscheidungsträger so sensibel auf Marktbewegungen reagieren. Die Finanzmärkte sind zum zentralen Maßstab geworden, durch den wirtschaftliche Probleme überhaupt wahrgenommen werden.
Hohe Bewertungen – strukturell bedingt
Gleichzeitig verhindern genau diese Bewertungen notwendige Veränderungen. Eine Reihe ökonomischer Analysen zeigt, dass die hohen Börsenkurse strukturelle Ursachen haben.
Seit den 1980er Jahren ist der Anteil der Unternehmensgewinne, der an Arbeitnehmer geht, deutlich gesunken. Parallel dazu haben Unternehmen ihre Investitionen in reale Produktionskapazitäten reduziert. Stattdessen fließt ein wachsender Anteil der Gewinne in Aktienrückkäufe und Dividenden.
Diese Entwicklung wird durch eine zunehmende Marktkonzentration ermöglicht. In vielen Branchen dominieren wenige große Unternehmen, die über erhebliche Preissetzungsmacht verfügen. Ein Teil ihrer Gewinne entsteht daher nicht durch Innovation, sondern durch die Abschöpfung ökonomischer Renten.
Ökonomische Studien sprechen in diesem Zusammenhang von wachsender „Monopolmacht“. Diese erlaubt es Unternehmen, hohe Margen zu erzielen, ohne verstärkt in Wettbewerb oder Innovation investieren zu müssen.
Weitere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass auch stagnierende Löhne teilweise auf diese Entwicklung zurückzuführen sind. Einschränkungen des Wettbewerbs auf dem Arbeitsmarkt – etwa durch Nichtabwerbevereinbarungen oder eine hohe Marktkonzentration auf wenige große Unternehmen – tragen dazu bei, dass die Lohnentwicklung hinter der Produktivität zurückbleibt.
Die Logik der Extraktion
Die Stabilität der Finanzmärkte hängt damit zunehmend von Praktiken ab, die man als extraktiv bezeichnen kann: Unternehmen erzielen Gewinne, indem sie Kosten auf andere Akteure abwälzen – auf Konsumenten, Beschäftigte, Zulieferer oder den Staat.
Dazu gehören etwa versteckte Gebühren, intransparente Vertragsmodelle oder spekulative Geschäftsmodelle, wie sie im Umfeld der KI-Euphorie zu beobachten sind. Diese Praktiken stützen die Gewinne – und damit die Börsenkurse. Eine konsequente Regulierung würde diese Einnahmequellen begrenzen. Die Folge wären sinkende Gewinne und vermutlich fallende Kurse.
Genau hier greift die Logik der Fingerfalle: Was ökonomisch sinnvoll wäre – etwa die Begrenzung monopolistischer Strukturen –, wird politisch riskant, weil es die Stabilität der Finanzmärkte gefährden könnte.
Widersprüche im System
Die daraus entstehenden Spannungen durchziehen das gesamte System. Besonders deutlich werden sie bei Gewerkschaften. Einerseits verfolgen sie das Ziel, höhere Löhne durchzusetzen. Andererseits investieren ihre Pensionsfonds häufig in Finanzprodukte, die auf maximale Rendite ausgerichtet sind – und damit indirekt Praktiken unterstützen, die Löhne unter Druck setzen.
So kann es vorkommen, dass etwa Pensionsfonds von Lehrern in Texas in Private-Equity-Fonds investieren, die darauf abzielen, Gewerkschaften anderswo zu zerschlagen. Gewerkschaften setzen einen Teil ihrer Ressourcen effektiv für Lohnerhöhungen ein, während ein anderer Teil darauf abzielt, die Löhne durch bessere Marktrenditen zu senken.
Solche Widersprüche sind kein Zufall, sondern Ausdruck eines Systems, in dem nahezu alle Akteure in die Logik steigender Vermögenspreise eingebunden sind.
Politische Lähmung
Die Folge ist eine weitgehende politische Lähmung. Selbst Maßnahmen mit breiter Unterstützung – etwa eine strengere Wettbewerbspolitik – werden nur zögerlich umgesetzt. Das gilt insbesondere für die Demokratische Partei, deren institutionelle Verbindungen zu den Finanzmärkten tief verankert sind. Doch auch Republikaner verfolgen ähnliche Strategien, etwa durch die Förderung kapitalintensiver Branchen.
Die politische Debatte bleibt dadurch oft oberflächlich. Grundlegende Fragen nach der Struktur der Wirtschaft werden selten offen angesprochen.
Historisch wurden grundlegende Reformen in den USA meist erst nach schweren wirtschaftlichen Krisen möglich. Die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre führte zu tiefgreifenden institutionellen Veränderungen. Auch heute stellt sich die Frage, ob ein ähnlicher externer Schock notwendig wäre, um die bestehenden Strukturen aufzubrechen. Ein solcher Weg wäre jedoch riskant. Ein massiver Einbruch der Finanzmärkte könnte nicht nur Reformen ermöglichen, sondern auch Instabilität und soziale Spannungen verstärken.
Die amerikanische Wirtschaft steht damit vor einem grundlegenden Dilemma: Sie benötigt Veränderungen, um langfristig stabil zu bleiben. Gleichzeitig verhindert die Abhängigkeit von steigenden Vermögenspreisen genau diese Veränderungen.
Die Metapher der chinesischen Fingerfalle beschreibt diese Situation treffend. Jeder Versuch, sich zu befreien, verschärft zunächst die Bindung. Solange die Stabilität des Systems an die Entwicklung der Finanzmärkte gekoppelt bleibt, wird der politische Handlungsspielraum begrenzt bleiben. Und genau darin liegt das eigentliche Problem.