Liberale Lieblings-Lösungen: Kohlenstoff abscheiden statt vermeiden
Kreislauf, Klima, Kapital

<p>Marktliberale Klimapolitik setzt auf technische Neuerungen der Zukunft. Besonders prominent: die Entnahme von CO2 aus der Luft. Es gibt große Potenziale – und noch größere Tücken.</p>
Marktliberale Klimapolitik setzt auf technische Neuerungen der Zukunft. Besonders prominent: die Entnahme von CO2 aus der Luft. Es gibt große Potenziale – und noch größere Tücken.
Nachhaltigkeit ist kein Schlagwort, sondern eine Systemfrage. In seiner Kolumne „Kreislauf, Klima, Kapital“ beleuchtet Lukas Poths die Schlüsselindustrien der ökologischen Transformation – von der Energiebranche über Mobilität und Landwirtschaft bis zu den Finanzmärkten.
Klimapolitik über den Markt klingt elegant – doch sie hat einen Haken: Entweder CO₂ wird spürbar verteuert, oder es müssen Technologien her, die Emissionen tatsächlich aus der Atmosphäre holen. Beides ist politisch heikel. Denn steigende CO₂-Preise landen am Ende bei den Verbrauchern – und gerade in wirtschaftlich schwächeren Ländern der Eurozone könnten sie schnell zur sozialen Belastungsprobe werden.
Also muss der Kohlenstoff irgendwie aus der Luft. Praktischerweise zielt genau darauf sogenanntes Carbon Dioxide Removal (CDR) – also Verfahren, mit denen Kohlendioxid aktiv aus der Luft entfernt und dauerhaft gespeichert wird, etwa durch technische Filteranlagen oder Aufforstung. In den vergangenen Jahren haben vor große Konzerne – allen voran Microsoft – begonnen, solche Maßnahmen in großem Stil einzukaufen, um ihre Klimabilanz aufzubessern. Ihr erklärtes Ziel: „klimanegativ“ zu werden – also insgesamt mehr CO₂ aus der Atmosphäre zu entfernen, als sie selbst ausstoßen.
Auch in der Strategie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie spielt CDR eine Rolle. Neue fossile Kraftwerke werden Klima- und Umweltschützern damit schmackhaft gemacht, dass sie entweder auf Wasserstoff umrüstbar seien (H2-ready) oder mit Kohlenstoffabscheidung arbeiten könnten (CCS- bzw. CCU-ready).
Bislang sind die größten Treiber in der CDR-Entwicklung aber private Unternehmen. Den bei weitem größten Anteil an abgeschlossenen Lieferverträgen für abgeschiedenes CO2 hält Microsoft. Dass das Unternehmen bis 2030 CO2-negativ werden will, hat freilich nicht nur philanthropische Gründe: Eine gute Klimabilanz stärkt das gesamte Unternehmen. So können beispielsweise Wertpapiere in Fonds mit strengeren Kriterien gelistet werden und die Unternehmensreputation als kommerzieller Soft-Faktor verbessert sich.


