<p>Hinter der grünen Transformation entsteht ein neuer globaler Wettlauf um Minen, Raffinerien und Lieferketten – mit wachsender Sprengkraft für den Welthandel und die internationale Ordnung.</p>
Hinter der grünen Transformation entsteht ein neuer globaler Wettlauf um Minen, Raffinerien und Lieferketten – mit wachsender Sprengkraft für den Welthandel und die internationale Ordnung.
Die Energiewende beginnt nicht mit Windrädern oder Elektroautos. Sie beginnt im Boden. Lithium, Nickel, Kobalt, Kupfer und die sogenannten Seltenen Erden sind die Rohstoffe einer neuen industriellen Epoche. Ohne sie gäbe es keine Batterien, keine Solarmodule, keine Windkraftanlagen – und damit auch keinen Übergang von fossilen Brennstoffen zu einer elektrifizierten Wirtschaft auf Basis erneuerbarer Energien.
Der Bedarf steigt rasant. Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur dürfte die weltweite Nachfrage nach diesen „kritischen Mineralien“ bis 2030 etwa doppelt so hoch sein wie heute. Damit wird die Frage ihrer Förderung, Verarbeitung und Verteilung zu einer der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte.
Denn es geht längst nicht mehr nur um Klimapolitik. Wer den Zugang zu diesen Rohstoffen kontrolliert, kontrolliert einen Teil der industriellen Wertschöpfung der Zukunft. Der geopolitische Konflikt um kritische Mineralien ist deshalb mehr als ein Streit über Bergbau oder Lieferketten. Er ist ein Kampf um technologischen Vorsprung, industrielle Macht und wirtschaftliche Souveränität in einer Welt, die ihre Energieversorgung neu organisiert.
Im März 2026 trafen sich die Handelsminister der Welt im kamerunischen Yaoundé, einer üppig bewachsenen Hauptstadt zwischen roten Lehmpisten und diplomatischen Empfangssälen, um über die Zukunft des globalen Handelssystems zu beraten. Offiziell standen kritische Mineralien nicht auf der Tagesordnung. Tatsächlich aber prägten sie die Gespräche hinter den Kulissen. Am Rande der Konferenz wurden Lieferabkommen sondiert, strategische Partnerschaften vertieft und neue Einflusszonen abgesteckt.
„Der technologische Wandel und die Klimatransition verändern die Art und Weise, wie Länder produzieren und im Wettbewerb stehen“, erklärte Singapurs Nachhaltigkeits- und Handelsministerin Grace Fu in ihrer Eröffnungsrede. Der Satz klang technokratisch. In Wahrheit beschreibt er einen tektonischen Machtverschiebungsprozess der Weltwirtschaft.
Als „kritische Mineralien“ gelten Rohstoffe, die für wirtschaftliche Entwicklung, industrielle Produktion oder nationale Sicherheit unverzichtbar sind und deren Lieferketten zugleich als besonders verwundbar gelten. Dazu zählen unter anderem Lithium, Kupfer, Nickel, Kobalt, Graphit oder Mangan. Hinzu kommen die sogenannten Seltenen Erden – eine Gruppe von 17 Metallen mit besonderen magnetischen Eigenschaften, die in Hochtechnologie, Rüstungsindustrie und Energiewende eine Schlüsselrolle spielen. Der Abbau dieser Stoffe ist aufwendig, ihre Konzentration oft gering, ihre Verarbeitung technisch komplex.
Der globale Wettlauf um saubere Energie hat die Nachfrage nach diesen Rohstoffen explosionsartig ansteigen lassen. Allein 2024 legte der Absatz von Lithium um rund 30 Prozent zu – vor allem getrieben durch die boomende Elektroautoindustrie. Windkraftanlagen, Solarmodule und Stromnetze verschlingen enorme Mengen an Kupfer und anderen strategischen Rohstoffen.
Die Energiewende erscheint damit zunehmend als Rohstoffrevolution. Wer Zugang zu den Lagerstätten, Raffinerien und Lieferketten kontrolliert, sichert sich nicht nur industrielle Wertschöpfung, sondern geopolitischen Einfluss. Hinter der grünen Transformation entsteht so eine neue Geografie der Macht. Das Zeitalter fossiler Abhängigkeiten endet nicht einfach. Es verlagert sich nur vom Ölbohrloch zur Lithium-Mine.
Zugang zu kritischen Mineralien als Quelle globaler Spannungen
Noch immer läuft der Großteil des Welthandels formal nach den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO). Rund 72 Prozent des globalen Handels basieren auf einem System, das einst geschaffen wurde, um Handelskriege einzudämmen und wirtschaftliche Konflikte berechenbar zu machen. Doch genau dieses System gerät zunehmend unter Druck. Immer häufiger umgehen große Wirtschaftsmächte die Regeln aus industrie-, sicherheits- oder geopolitischen Motiven – insbesondere dann, wenn es um den Zugang zu kritischen Mineralien geht.
Die Sorge darüber war in Yaoundé allgegenwärtig. Als die Minister die kamerunische Hauptstadt wieder verließen, blieb von den offiziellen Beratungen vor allem eines übrig: die Erkenntnis, dass in zentralen Fragen kaum noch Einigkeit besteht. Hinter den diplomatischen Formeln zeichnet sich eine neue Rohstoffkonkurrenz ab, die das globale Handelssystem selbst infrage stellt.
Besonders deutlich zeigt sich das in den Vereinigten Staaten. Obwohl die Trump-Regierung der Energiewende skeptisch gegenübersteht, wächst in Washington die Nervosität über die Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten. Denn China dominiert nicht nur den Abbau vieler kritischer Mineralien, sondern vor allem deren Weiterverarbeitung. Gerade die Veredelung der Rohstoffe zu industriell nutzbaren Materialien gilt als entscheidender Engpass der globalen Lieferkette.
Die Angst im Westen ist entsprechend groß: Peking könnte Exporte begrenzen oder geopolitische Krisen könnten Lieferketten abrupt unterbrechen. Die Erfahrungen der Pandemie und die zunehmenden geopolitischen Spannungen haben das Bewusstsein dafür geschärft, wie verwundbar hochgradig konzentrierte Lieferketten sind.
Als Reaktion kündigten die Vereinigten Staaten das milliardenschwere „Project Vault“ an. Rund zwölf Milliarden Dollar sollen in strategische Reserven kritischer Mineralien fließen, um künftige Lieferengpässe abzufedern. Gleichzeitig versucht Washington, sich weltweit bevorzugten Zugang zu Rohstoffen zu sichern – durch Zölle, Handelsabkommen und nicht zuletzt über außenpolitischen Druck.
Wie weit diese Strategie inzwischen reicht, zeigte ein Bericht der New York Times: Demnach erwog die US-Regierung, amerikanische Gesundheits- und HIV-Hilfen für Sambia an einen privilegierten Zugang zu sambischen Mineralien zu knüpfen. Entwicklungspolitik, Sicherheitspolitik und Rohstoffpolitik beginnen damit zunehmend zu verschmelzen.
Auch andere große Wirtschaftsräume positionieren sich neu. Kurz vor dem WTO-Treffen unterzeichneten die Europäische Union und Australien ein Freihandelsabkommen, das ausdrücklich die Zusammenarbeit bei kritischen Mineralien vertiefen soll. Auch hinter solchen Vereinbarungen steht längst nicht mehr nur klassische Handelspolitik. Es geht um Versorgungssicherheit, industrielle Resilienz und strategische Autonomie.
Entwicklungsländer wiederum, insbesondere rohstoffreiche Staaten Afrikas, sehen im globalen Wettlauf um kritische Mineralien vor allem die Gelegenheit für Investitionen und neue Arbeitsplätze. Doch anders als in früheren Rohstoffzyklen wächst zugleich der Anspruch, nicht länger bloß Lieferant billiger Rohstoffe zu bleiben. Viele Regierungen wollen erreichen, dass Verarbeitung, industrielle Wertschöpfung und technologische Entwicklung zumindest teilweise im eigenen Land stattfinden. Chantal Line Charpentier von der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung sprach deshalb von einer „historischen Chance“ für Entwicklungsländer – sofern sie in der Lage seien, diese auch tatsächlich zu nutzen.
Wie groß die Kluft zwischen Potenzial und Realität noch immer ist, zeigte sich in Kamerun auf fast symbolische Weise. Während die Delegierten über grüne Technologien und resiliente Lieferketten diskutierten, lag über Yaoundé dichter Smog. Die Straßen waren verstopft mit alten Benzinfahrzeugen, Solaranlagen oder Elektroautos bleiben seltene Ausnahmen. Dabei verfügt Kamerun selbst über bedeutende Kobaltvorkommen, die bislang kaum erschlossen wurden. Die Energiewende erscheint in vielen Teilen Afrikas deshalb als Zukunftsversprechen und ferner Luxus der Industriestaaten zugleich.
Ein komplexes globales Handelsnetzwerk
Im benachbarten Kongo zeigt sich dagegen bereits die geopolitische Realität des neuen Rohstoffzeitalters. Dort werden rund 70 Prozent des weltweiten Kobalts gefördert. Die Hälfte der Minen befindet sich jedoch in chinesischer Hand, und das geförderte Erz wird überwiegend nach China exportiert, wo die Weiterverarbeitung erfolgt. Die Lieferketten kritischer Mineralien bilden damit ein hochkomplexes globales Netzwerk, in dem Förderung, Raffination, industrielle Fertigung und Endproduktion oft auf verschiedene Kontinente verteilt sind.
Gerade diese internationale Arbeitsteilung macht das System zugleich effizient und fragil. Der Kongo verhängte im vergangenen Jahr zeitweise ein Exportverbot für Rohkobalt und führte anschließend Quoten ein, um Preisverfall und Überangebote zu begrenzen. Gleichzeitig sollte damit der Aufbau eigener Verarbeitungsindustrien gefördert werden.
Doch der Aufbau neuer Minen, Raffinerien und industrieller Kapazitäten ist teuer und langwierig. Investoren verlangen Planungssicherheit: stabile Handelsbedingungen, verlässliche Nachfrage und die Gewissheit, ihre Rohstoffe auch künftig profitabel exportieren zu können. Genau dafür sorgte in den vergangenen Jahrzehnten das Regelwerk der Welthandelsorganisation.
Offiziell diskutierten die Delegierten in Kamerun daher über eine Modernisierung der WTO, wobei die Spannungen um den Zugang zu kritischen Mineralien in offiziellen Kreisen mit vagen Begriffen wie „Resilienz der Lieferkette“ oder „gleiche Wettbewerbsbedingungen“ umschrieben wurden. Inoffiziell kreisten die Gespräche jedoch um eine viel grundsätzlichere Frage, von der nicht zuletzt die Zukunft der grünen Energie abhängt: Kann ein globales Handelssystem bestehen, wenn die großen Mächte strategische Rohstoffe zunehmend als geopolitische Waffen betrachten?