<p>In keinem der 19 EU-Sanktionspakete taucht die Atomenergie auf – dank einer Schlüsselpersonalie. Der ehemalige Atomkonzern-Manager Henri Proglio unterhält seit 10 Jahren mehrere Berater-Büros in Moskau. </p>
In keinem der 19 EU-Sanktionspakete taucht die Atomenergie auf – dank einer Schlüsselpersonalie. Der ehemalige Atomkonzern-Manager Henri Proglio unterhält seit 10 Jahren mehrere Berater-Büros in Moskau. Bis heute sitzt der Ex-Chef der staatlichen Électricité de France im internationalen Beirat von Putins Atomkonzern-Konglomerat Rosatom.
Déjà vu: Ein Aufschrei ging durch Deutschland, als die „Familien-Unternehmer“ mit einer Einladung an die AfD Grenzen austesteten. Der Wirtschafts-Lobby-Verband ruderte schließlich zurück. Die deutschen „Konzern-Familien“ haben sich womöglich durch die französische Rechte inspirieren lassen, die seit geraumer Zeit ihre Netze in die Konzernführungs-Etagen auswerfen.
Der französische Testballon stieg vor zwei Jahren, wenige Monate vor den Wahlen, und provozierte Wirbel in der Presse. Marine Le Pen, die Präsidentschafts-Kandidatin des Rassemblement National, RN, inszenierte ein Treffen mit einem äußerst polarisierenden Manager: Henri Proglio. Er war einer der mächtigsten Wirtschaftsbosse des Landes, bis er beim Atomkonzern Électricité de France, EdF, als unhaltbar galt.
Eine weitere Schlüsselfigur dieser Korruptions-Clique, der heimliche Beschützer von Proglios Karriere, „Monsieur Alexandre“, bekam ebenfalls eine Haftstrafe. Proglios Mann fürs Grobe, ein ehemaliger Bandenführer aus den Pariser Banlieues, kennt Gefängnisse von innen. Aus der Unterwelt stieg der Mittelsmann auf, in die höchsten Zirkel von Politik und Wirtschaft: „Ich halte sie alle an den Eiern“.
„Das ist fast wie eine Pressemitteilung!“
Dieser Henri Proglio sollte also mit Marine Le Pen den Crash-Test machen, den Weg ebnen, um die Rechtsnationalen bei den Großunternehmern salonfähig zu machen. Betont langsam und in Signalfarben gekleidet durchschritt sie das exklusive „Laurent“ im Pariser Business-Viertel. Die Inszenierung galt nicht nur der Wirtschafts-Elite, die ebenfalls dort diniert, „um gesehen zu werden“ und die Schlagzeilen kamen wie bestellt. In Frankreich kursieren Gerüchte, dass Proglio ins Wirtschaftsministerium berufen würde, sollte der RN eine künftige Regierung anführen.
Genau das ist eigentlich ein Argument von Atomkraftkritikern: Das bedarfsgerechte Auf- und Ab-Regeln der AKW zieht Verschleiß und Kosten nach sich.
Proglio und der RN reden dem „Frexit“ das Wort, wollen aus dem EU-Strommarkt aussteigen und die Unternehmen der Grande Nation privilegieren. Diese europäischen Spaltungsgedanken werden im Kreml gern gehört. Im krassen Widerspruch zu Proglios Ausführungen zur „Energieunabhängigkeit“ Frankreichs steht sein Bekenntnis zu „den Russen“, die „unsere natürlichen Partner im Nuklearsektor waren“. Dass „die Brennstoffe, mit denen unsere Atomkraftwerke laufen, größtenteils aus Russland“ stammen, ist jedoch nichts Anderes als Import-Abhängigkeit. Und das bei einer Hochrisiko-Technologie mit zivil-militärischer Relevanz.
„Warum bleibt die Atomindustrie verschont?“ fragten Investigate Europe und Tagesspiegel schon 2022. In keinem einzigen der (mittlerweile 19) EU-Sanktionspakete taucht die Atomkraft auf. In der gemeinsamen Recherche zeigen sie: „Für die enge Verbindung zwischen der französischen und der russischen Atomindustrie steht nicht zuletzt Henri Proglio, der ehemalige Vorstandsvorsitzende des staatlichen französischen Stromversorgers EDF, der bis heute im internationalen Beirat von Rosatom sitzt“, dem russischen Atomkonglomerat, das von Wladimir Putin als geopolitisches Instrument zur Ausweitung seines Einflusses in Europa genutzt wird.
Import-Abhängigkeit und eine Schlüsselpersonalie
Zusätzlich zu seinem Posten bei Rosatom unterhält er seit 10 Jahren mehrere Berater-Büros in Moskau, verdient kräftig mit an Putins Ukraine-Krieg und fädelt obskure Geschäfte ein. Auch im Atom-Bereich. Das ist pikant, denn er ist in die strengsten Geheimnisse der zivil-militärischen Atommacht Frankreich eingeweiht.
Er kann zwar Geheimnisse für sich behalten – selbst gegenüber dem Untersuchungsausschuss verschwieg er die lukrativen Tätigkeiten, unter anderem von ‚Henri Proglio Consulting‘ und ‚HP Energy Advisory‘ in Moskau – aber ob das immer zum Wohle von Frankreich bzw. Europa geschieht, ist mehr als fragwürdig. Wie wirksam der Undercover-Netzwerker hinter den Kulissen die Strippen zieht, damit die EU-Atom-Lobby durch keines der Sanktionspakete Putins Abhängigkeits-Netz entkommen, ist kaum transparent.
Raubkopien für China
Der lichtscheue Nukleokrat und heimliche Atom-Influencer meldete sich erst kürzlich wieder aus dem Off: Man solle die Pläne, weitere Europäische Druckwasser-Reaktoren, EPR, in Frankreich zu bauen, einstampfen. Proglio selbst hatte seinerzeit den EPR-Bau im britischen Hinkley Point – mit chinesischer Hilfe – genehmigt. Auch den kleineren Nachfolger, den EPR2, den es nur auf dem Papier gibt, will er stoppen. Die Erneuerbaren sowieso. Man solle die Altmeiler so lange laufen lassen, bis ein Reaktor mittlerer Leistung (1000 MW) entwickelt sei. Das Verscherbeln der Rechte am geistigen Eigentum für exakt diese Technik nach China hat er selbst zu verantworten. Das war der Todesstoß für den französischen Reaktorbauer Areva.
Die Gewerkschafterin, die das an die Öffentlichkeit brachte, sollte mit einem teuflischen Überfall, mit sexualisierter Gewalt, mit Mafia-Methoden zum Schweigen gebracht werden. Die Investigativ-Journalistin Caroline Michel-Aguirre dokumentierte diesen Staatsskandal. Sie war es, die Vertuschungen, Ungereimtheiten und Ermittlungsfehler aufdeckte und einen frappierend ähnlichen Fall aufstöberte. Beide Fälle liegen sechs Jahre auseinander, beide handeln von Whistleblowern, die schmutzige Geschäfte aufdecken, in beiden Fällen war Henri Proglio Chef des jeweiligen Konzerns. In beiden Fällen spielte sein Freund und Vermittlungs-Agent, Monsieur Alexandre Djouhri, eine tragende Rolle. Den Zankapfel vom zweiten Fall, den 1000-MW-Reaktor, bringt Proglio nun also wieder ins Spiel, um Frankreichs Atomzukunft zu zementieren. Und bis dahin? Mit der schrottreifen Altmeilerflotte die erneuerbare Konkurrenz jahrzehntelang aus dem Markt halten. Letzteres hat er elastischer formuliert.
Kriminelle Energie
Nicolas Sarkozy, der Proglio auf den Thron des Staatskonzerns EDF gehievt hatte, wollte einst gemeinsam mit Proglio AKW an den Libyschen Diktator Gaddafi verhökern, damit dieser im Gegenzug Geldschränkeweise Wahlkampfhilfen in den Elysee-Palast schickt. Die beiden waren stets bemüht, ihre starken Bande zu kaschieren – ein Fotograf, der Proglio auf Sarkos Party erwischte, durchkreuzte den Plan. Sarkozy, dem präsidialen Hochleistungs-Außendienstler der französischen Atomwirtschaft, wurde seine Mitgliedschaft in einer „kriminellen Vereinigung“ nun gerichtlich bestätigt.
Die Libyen-Affäre machte große Schlagzeilen, den brisanten Atom-Deal dahinter hat die deutsche Presse kaum durchdrungen. Der Ex-Präsident saß zwischenzeitlich hinter schwedischen Gardinen, der Ex-Atom-Boss sitzt hinter diskret verschlossenen, russischen Türen.
Erst kürzlich konnte Proglio vor Gericht seinen Kopf aus der Schlinge ziehen – es ging um Vetternwirtschaft, um Millionenschwere Beraterverträge. Er und sein Zwillingsbruder René Proglio spielten auch eine unrühmliche Rolle bei der EDF-EnBW-Affäre, über die Ex-Ministerpräsident Mappus stolperte und die die Steuerzahler im Ländle Milliarden kostete.
Proglio bezeichnet sein Verhältnis zu Kirijenko dennoch als „privilegiert und freundschaftlich“. Schon damals gehörten die Rosatom-Töchter zu den wichtigsten Brennstoff-Lieferanten, auch für französische AKW. Die Import-Abhängigkeit und der diskrete Verbündete als Versicherung gegen Atom-Sanktionen.
Auf der Website von 'Rosatom-Europe' ist die „Eröffnung der französischen Tochtergesellschaft ROSATOM Western Europe SARL“, dem „Operationszentrum in Paris“, vom 15. Oktober 2014 dokumentiert. Einen Tag zuvor musste Proglio bei der EDF seinen Hut nehmen.
Angesichts dieser Verflechtungen ist es nur schwer nachvollziehbar, wie manche Zeitgenossen – ob in tatsächlicher oder strategischer Unwissenheit – kolportieren, man könne ja noch ein bisschen in Atomkraft machen, um Import-Abhängigkeiten zu umgehen.