<p>Das BIP gilt vielen als Symbol einer überholten Wachstumslogik. Doch wer die Kennzahl abschaffen will, steht vor einem Problem: Auch die Alternativen sind voller Werturteile und Widersprüche.</p>
Das BIP gilt vielen als Symbol einer überholten Wachstumslogik. Doch wer die Kennzahl abschaffen will, steht vor einem Problem: Auch die Alternativen sind voller Werturteile und Widersprüche.
In der MAKROSKOP-Redaktion gibt es bei verschiedenen Themen unterschiedliche Meinungen. In diesem Format tragen wir die Debatten öffentlich aus. Möge das bessere Argument gewinnen!
Das Bruttoinlandsprodukt hat derzeit ungefähr den Ruf eines Kohlekraftwerks auf einem Berliner Medienpanel: alt, verdächtig, moralisch unerquicklich. Wer intellektuell etwas auf sich hält, erklärt inzwischen routiniert, warum das BIP „eigentlich gar nichts aussagt“. Es messe weder Glück noch Nachhaltigkeit noch soziale Gerechtigkeit.
Und doch steckt hinter der zunehmenden Kritik am BIP ein merkwürdiges Problem: Je heftiger sie ausfällt, desto undeutlicher wird meist die Antwort auf die Frage, was eigentlich an seine Stelle treten soll.
Denn die Wahrheit ist unbequemer, als es viele Postwachstumsseminare und Nachhaltigkeitskongresse gern hätten: Das BIP ist nicht deshalb dominant geworden, weil Ökonomen kollektiv zu stumpf waren, höhere Werte zu erkennen. Es wurde dominant, weil moderne Gesellschaften einen robusten, vergleichbaren und halbwegs objektiven Maßstab für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit brauchten. Und diesen liefert das BIP trotz aller Schwächen erstaunlich gut.
Das heißt nicht, dass die Kritik falsch wäre. Im Gegenteil.
Natürlich misst das BIP nicht Lebensqualität. Ein Autounfall erhöht statistisch die Wirtschaftsleistung. Waldbrände können das Wachstum antreiben, wenn anschließend der Wiederaufbau beginnt. Pflege innerhalb der Familie erscheint kaum, dieselbe Tätigkeit gegen Bezahlung plötzlich als Wertschöpfung. Umweltzerstörung wird oft als Gewinn verbucht, solange sie monetarisierbar ist.
Diese Einwände sind real und wichtig. Heterodoxe Ökonomen, feministische Ansätze, ökologische Ökonomik und auch Postwachstumstheorien haben hier berechtigte Punkte gemacht. Das BIP verwechselt Marktaktivität nicht selten mit gesellschaftlichem Fortschritt. Es kann steigen, während Einsamkeit, psychische Erkrankungen und soziale Fragmentierung ebenfalls zunehmen. Eine Gesellschaft kann materiell wohlhabend und geistig-kulturell erschöpft zugleich sein.
Nur folgt daraus eben nicht automatisch, dass man das BIP entsorgen sollte. Denn die entscheidende Gegenfrage lautet: Wodurch ersetzen?
Die meisten Alternativen wirken bei näherem Hinsehen deutlich weniger objektiv, als ihre Anhänger suggerieren. Der Human Development Index ergänzt Einkommen um Bildung und Lebenserwartung. Der Genuine Progress Indicator versucht Umweltkosten und soziale Schäden einzurechnen. Glücksindikatoren messen subjektive Zufriedenheit. Die OECD arbeitet mit ganzen Wohlstands-Dashboards.
Das alles kann sinnvoll sein. Aber keines dieser Modelle löst das Grundproblem: Wohlstand ist kein technisch neutraler Begriff.
Sobald man versucht, einen „besseren“ Gesamtindikator zu bauen, beginnt zwangsläufig die ideologische Gewichtung. Wie wichtig ist Gleichheit gegenüber Wachstum? Wie viel Umweltverbrauch darf gegen höhere Einkommen aufgerechnet werden? Ist Freizeit wichtiger als Produktivität? Wie bewertet man kulturelle Stabilität, familiären Zusammenhalt oder gesellschaftliches Vertrauen?
Die meisten alternativen Indizes verstecken normative Entscheidungen hinter mathematischer Präzision. Das Ergebnis sieht wissenschaftlich aus, enthält aber oft moralische Vorentscheidungen, die politisch hoch umstritten sind.
Gerade deshalb besitzt das BIP eine unterschätzte Tugend: seine Begrenztheit.
Das BIP behauptet im Kern nur, den Marktwert produzierter Güter und Dienstleistungen zu messen. Nicht Sinn, nicht Tugend, nicht Glück, nicht Zivilisationsreife. Das Problem beginnt meist erst dort, wo Politik, Medien und Teile der Ökonomik diese technische Kennzahl zu einer Art moralischem Gesamturteil aufblasen.
Mit anderen Worten: Nicht das BIP selbst ist größenwahnsinnig – seine gesellschaftliche Interpretation ist es. Man könnte sogar sagen: Viele Kritiker verlangen vom Bruttoinlandsprodukt Dinge, die kein einzelner Indikator jemals leisten könnte.
Denn moderne Gesellschaften sind widersprüchliche Gebilde mit konkurrierenden Zielsetzungen. Sie wollen hohen Konsum und ökologische Nachhaltigkeit zugleich, soziale Sicherheit ebenso wie maximale individuelle Freiheit, kulturelle Stabilität ebenso wie permanente wirtschaftliche Dynamik. Bürger wünschen sich niedrige Preise, hohe Löhne, geringe Arbeitszeiten und eine funktionierende Daseinsvorsorge bei gleichzeitig stabilen Staatsfinanzen. Bereits diese Gleichzeitigkeit zeigt, dass politische Zielkonflikte nicht einfach durch bessere Statistik verschwinden.
Politik besteht gerade darin, solche Konflikte auszuhandeln. Die Vorstellung, man könne sie durch einen „besseren“ Superindikator technisch auflösen, ist letztlich eine technokratische Illusion.
Hinzu kommt etwas, das in der Postwachstumsdebatte gerne verdrängt wird: Für arme Gesellschaften bleibt wirtschaftliches Wachstum enorm wichtig. Historisch korreliert steigendes Pro-Kopf-BIP sehr stark mit sinkender Kindersterblichkeit, höherer Lebenserwartung, besserer Ernährung und größerer materieller Sicherheit. Wer das BIP vollständig delegitimiert, riskiert deshalb eine gewisse Wohlstandsvergessenheit saturierter Gesellschaften.
Es ist leicht, Wachstum für überschätzt zu erklären, wenn Supermärkte voll, Wohnungen beheizt und medizinische Versorgung selbstverständlich sind. Weniger gut kommt dieselbe These dort an, wo Menschen auf stabile Stromversorgung, Infrastruktur oder ausreichende Ernährung warten.
Natürlich: Ab einem gewissen Wohlstandsniveau stellt sich tatsächlich die Frage, ob immer mehr Konsum noch proportional mehr Lebensqualität erzeugt. Wahrscheinlich nicht. Die westlichen Gesellschaften liefern reichlich Hinweise darauf, dass materieller Überfluss psychische und kulturelle Krisen keineswegs verhindert. Aber auch diese Einsicht macht das BIP nicht wertlos. Sie zeigt lediglich seine Grenze.
Das BIP sollte weder vergöttert noch verteufelt werden. Es ist ein brauchbarer Produktionsindikator, nicht mehr und nicht weniger. Wer aus ihm eine vollständige Theorie des guten Lebens ableitet, überfordert ihn. Wer glaubt, man könne ihn einfach abschaffen und durch „Wohlbefinden“ ersetzen, unterschätzt wiederum die Schwierigkeiten subjektiver und normativer Messungen.
Die vernünftigste Lösung liegt vermutlich in einer Kombination verschiedener Perspektiven. Das BIP bleibt sinnvoll, um wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu erfassen. Ergänzend braucht es Sozial-, Verteilungs- und Umweltindikatoren sowie eine Politik, die Zielkonflikte offen benennt, statt sie hinter scheinbar objektiven Gesamtwerten zu verstecken. Vor allem aber braucht es die Einsicht, dass nicht alles Wertvolle quantifizierbar ist.