Diese mehrheitliche Lebensweise ist historisch von den „White British“ geprägt worden – sie ist jedoch keineswegs statisch. Sie verändert sich fortlaufend und bleibt offen für Menschen unterschiedlicher Herkunft, die sie zunehmend mitgestalten.
Gleichzeitig wirkt sich der rasche demografische Wandel auf diese gemeinsame Grundlage aus – und damit auch auf die Politik, oft indirekt und unterschwellig. In Großbritannien zeigt sich eine Spaltung, die an die US-amerikanische Trennung zwischen „red states“ und „blue states“ erinnert: Auf der einen Seite stehen große, ethnisch vielfältige und politisch eher liberale Städte mit hohem Bildungsniveau, auf der anderen kleinere Städte und ländliche Regionen, die älter, homogener und konservativer geprägt sind.
Zwar bleibt nationale Identität für viele wichtig, doch ihre Bindekraft lässt nach – ebenso wie die soziale Solidarität. Ende der 1980er Jahre befürwortete noch eine klare Mehrheit höhere Sozialausgaben auch um den Preis höherer Steuern; heute ist diese Haltung deutlich seltener. Parallel dazu sinken Vertrauen und bürgerschaftliches Engagement. Der Anteil der Menschen, die sich regelmäßig ehrenamtlich engagieren, ist in den vergangenen zehn Jahren spürbar zurückgegangen. Auch klassische soziale Treffpunkte wie Pubs oder andere informelle Begegnungsräume verlieren an Bedeutung.
Diese Entwicklungen haben vielfältige Ursachen, doch auch demografische Dynamiken spielen eine Rolle. In stärker diversifizierten und zugleich wirtschaftlich schwächeren Regionen ist das Zugehörigkeitsgefühl oft geringer ausgeprägt. Muslime zeigen zwar überdurchschnittliches Engagement, allerdings überwiegend innerhalb der eigenen Gemeinschaft.
Insgesamt deuten diese Trends auf einen Wandel hin, der auch mit Gefahren mit sich bringt, wenn es darum geht, kollektive Herausforderungen zu bewältigen – dann könnte die schwindende soziale Kohäsion zum Problem werden.
Rechte oder Interessen?
Wenn politische Konflikte zunehmend vom Rückgang traditioneller Mehrheiten – und von Versuchen, diesen Prozess zu bremsen – geprägt werden, stellt sich eine heikle Grundsatzfrage: Sollten auch schrumpfende Mehrheiten als Träger von Rechten verstanden werden?
Der liberale Rechtsstaat basiert gerade darauf, Mehrheitsmacht zu begrenzen. Minderheitenrechte und Antidiskriminierungsgesetze sollen verhindern, dass Mehrheiten ihre Position zulasten anderer ausnutzen. Doch was passiert, wenn diese Mehrheiten selbst an Gewicht verlieren und die von ihnen geprägten Normen an Selbstverständlichkeit einbüßen? Entsteht daraus ein neues Schutzbedürfnis?
Genau an diesem Punkt setzen viele populistische Parteien an. Ihr implizites Versprechen lautet, die kulturellen und sozialen Grundlagen der bisherigen Mehrheit zu bewahren – und ihnen politischen Schutz zu verschaffen.
Forscher wie Ruud Koopmans, Liav Orgad und Eric Kaufmann argumentieren, dass Mehrheiten im liberal-demokratischen Denken lange eine Leerstelle geblieben sind. Der Fokus lag darauf, Macht zu begrenzen und insbesondere zu verhindern, dass Mehrheiten ihre Stellung zulasten von Minderheiten ausnutzen.
Doch zwei der großen progressiven Anliegen des späten 19. Jahrhunderts waren: das Wahlrecht auf alle Klassen und auf Frauen auszuweiten – und damit die moderne demokratische Mehrheit überhaupt erst zu schaffen – und zugleich den Minderheiten die gleichen Rechte zu sichern: Katholiken, Juden und Nonkonformisten in Großbritannien. Historisch gesehen standen Mehrheits- und Minderheitenrechte also nicht im Konflikt.
Erst im 20. Jahrhundert, unter dem Eindruck von Krieg und Genozid, verschob sich der Schwerpunkt: weg von Integration hin zum Schutz von Differenz. Mit der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde die Gleichheit aller Menschen betont – und implizit das Recht, die eigene Lebensweise unabhängig vom Ort zu bewahren.
Vor dem Hintergrund erheblicher nichtwestlicher Einwanderung in westliche Gesellschaften in den 1960er und 1970er Jahren lautete die Botschaft liberaler oder laissez-faire Multikulturalität oft: „Kommt her und bleibt, wie ihr seid.“ Viele, überwiegend progressiv gesinnte Menschen, glaubten: Weil alle Kulturen Respekt verdienen, sei es falsch, Neuankömmlinge dazu zu drängen, sich an die gemeinsamen Normen und die Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft anzupassen – abgesehen davon, das Gesetz zu befolgen und Steuern zu zahlen.
Das mag für Minderheiten, besonders aus traditionellen Gesellschaften, die in zunehmend pluralistische und liberale westliche Länder kamen, eine Form des Schutzes und der Anerkennung gewesen sein. Es war aber auch ein Rezept für eine ethnische Balkanisierung – wie die Beispiele Bradford, Leicester oder Luton zeigen – und nährte den Unmut innerhalb der Mehrheitsbevölkerung. Kaufmann spricht in diesem Zusammenhang von einem „asymmetrischen Multikulturalismus“: Während Minderheiten ihre kulturelle Identität ausdrücklich schützen dürfen, gilt dies für Mehrheiten weit weniger selbstverständlich.
Diese Asymmetrie wird meist mit zwei Argumenten verteidigt. Erstens: Mehrheiten bräuchten keinen besonderen Schutz, weil ihre Kultur ohnehin den öffentlichen Raum prägt – von Sprache und Bildung bis zu nationalen Ritualen. Zweitens: Eine einheitliche Mehrheitskultur existiere gar nicht mehr; moderne Gesellschaften seien zu plural, zu fragmentiert, um von „der“ Lebensweise sprechen zu können.
Der Soziologe Christian Joppke weist deshalb die Idee einer dominanten Ethnizität in Ländern wie Frankreich oder Deutschland zurück – und folgert zugleich, dass Mehrheiten keinen rechtlichen Schutz benötigen: Sie verfügten bereits über den demokratischen Prozess, während Rechte primär dem Schutz von Minderheiten dienten.
Tatsächlich tragen Individualisierung, Multikulturalismus und fragmentierte Medienöffentlichkeiten dazu bei, auch die Mehrheitsgesellschaft zu zersplittern. Die Lebenswelten driften auseinander – zwischen einem älteren Reform UK-Wähler in einer nordenglischen Kleinstadt und einer jungen Großstadtbewohnerin, die die Green Party wählt, liegen nicht nur geografische, sondern auch kulturelle Welten. Die offene Frage bleibt: Gibt es jenseits dieser Unterschiede noch genügend Gemeinsames, das eine Gesellschaft zusammenhält?
Offenbar ja. Denn gäbe es so etwas wie eine Lebensweise der ethnischen Mehrheit gar nicht – so vielfältig und schwer zu definieren sie auch sein mag –, würde niemand ihr Verschwinden beklagen.
Zwar denken viele Menschen heute vielleicht nicht mehr in ethnischen Kategorien – oder vermeiden zumindest diese Sprache. Offene Bezugnahmen auf „weiß-britische“ Identität stoßen in der politischen Mitte eher auf Ablehnung. Gleichzeitig halten breite Mehrheiten an der Idee nationaler Solidarität fest und erwarten, dass sich Zugewanderte und etablierte Minderheiten über rein ökonomische Vorteile hinaus mit der Gesellschaft identifizieren.
Zudem gerät das zentrale Argument des asymmetrischen Multikulturalismus zunehmend unter Druck: die Annahme, die Mehrheitskultur sei ohnehin allgegenwärtig. In vielen Stadtteilen ist sie das längst nicht mehr – weder sprachlich noch institutionell. Hinzu kommen wachsende Klagen über eine „Zwei-Klassen-Justiz“: die empfundene Privilegierung mancher Minderheiten im Namen des sozialen Friedens, besonders von Muslimen. In Großbritannien schlug der Grooming-Gang-Skandal hohe Wellen, ebenso die jüngste Affäre um Maccabi Tel Aviv.
Dass diese Entwicklung politisch relevant ist, zeigt sich daran, dass ein erheblicher Teil der Mehrheitsbevölkerung den Verlust vertrauter Strukturen als real empfindet – manche sogar als existenzielle Bedrohung. Anders als viele Minderheiten verfügen sie über keine alternativen Bezugspunkte außerhalb des Landes. Gleichzeitig fehlt es ihnen bislang an klarer politischer Organisation. Parteien, die explizit ethnische Interessen vertreten, sind in Großbritannien selten. Doch das politische Selbstbewusstsein der Mehrheit – insbesondere der Engländer – wächst sichtbar, je stärker ihr Status als dominante Gruppe infrage gestellt wird.
Wie soll dieses wachsende Selbstbewusstsein kanalisiert werden? Sollten liberale Gesellschaften stärker darüber nachdenken, wie sie Mehrheitskulturen verteidigen – oder zumindest ihren Niedergang verlangsamen? Kann es so etwas geben wie ein Recht, Mehrheit zu bleiben?
Ein rechtlicher Sonderstatus für Mehrheiten wäre weder praktikabel noch wünschenswert. Der Staat ist kein Besitz einer ethnischen Gruppe, und das Recht sollte grundsätzlich neutral gegenüber Mehrheits- oder Minderheitenstatus bleiben – auch wenn es in Einzelfällen Ausnahmen für Minderheiten gibt.
Zwar ließen sich punktuell Regelungen denken, etwa zum Schutz der gemeinsamen Sprache oder bestimmter nationaler Rituale. Ein generelles Recht auf Bewahrung des Mehrheitsstatus jedoch wäre politisch spaltend und kaum durchsetzbar. Sinnvoller ist es, die damit verbundenen Sorgen nicht als juristische Ansprüche zu behandeln, sondern als legitime Interessen – Interessen, die in der demokratischen Mitte stärker aufgegriffen und politisch bearbeitet werden müssten.
Wie sich diese Interessen konkret ausdrücken, wird sich letztlich im politischen Alltag herausbilden – abhängig von regionalen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Mehrheiten. Ein Anspruch darauf, in einer bestimmten Nachbarschaft dauerhaft die dominante Gruppe zu bleiben, lässt sich in einer liberalen Ordnung kaum rechtfertigen. Er würde Eingriffe in die freie Wohnortwahl erfordern, die schnell autoritäre Züge annähmen – auch wenn einzelne Länder wie Dänemark oder Singapur versuchen, solche Entwicklungen indirekt zu steuern.
Gleichzeitig gehört ein Mindestmaß an Stabilität und Planbarkeit zum Kernversprechen moderner Politik. Bürger wollen ihr Lebensumfeld nicht als permanenten Umbruch erleben. Genau dieses Versprechen gerät unter Druck, wenn sich die Politik gleichgültig gegenüber hoher Zuwanderung zeigt.
Dabei ist Stabilität nicht gleichbedeutend mit ethnischer Homogenität – und sie ist kein exklusives Anliegen der Mehrheitsbevölkerung. Auch Minderheiten reagieren sensibel auf rasche Veränderungen, etwa wenn angestammte Viertel durch andere Gruppen verdrängt werden oder neue Konkurrenz um knappe Ressourcen entsteht. Die Frage nach sozialer Stabilität stellt sich damit für die Gesellschaft insgesamt – nicht nur für einzelne Gruppen.
Multi-ethnisch, nicht multikulturell
Welche Politik könnte Menschen also beruhigen, dass ihr Wohnort am Ende eher wie Abingdon und weniger wie Bradford wird – sprich, die Entwicklung eher in Richtung moderat gemischter Städte verläuft als hin zu stark segregierten Strukturen? Hier einige Ansatzpunkte: eine über längere Zeit niedrigere Zuwanderung, um demografische Veränderungen berechenbarer zu machen; eine stärker qualifizierte Zuwanderung, also die gezielte Anziehung von Migranten, die sich schneller in bestehende Strukturen integrieren; eine klarere Integrationspolitik: mehr Gewicht auf gemeinsame Normen statt auf Diversität und Differenz sowie das Auslaufen jeder Form von Affirmative Action; eine einheitliche Amtssprache sowie eine stärkere Vermittlung einer gemeinsamen, integrierenden nationalen Erzählung – etwa in Schulen und im öffentlichen Raum.
Auch sozialpolitisch stehen Fragen der Prioritätensetzung im Raum, etwa beim Zugang zu Wohnraum und Sozialleistungen, die stärker an Staatsbürgerschaft oder Aufenthaltsdauer geknüpft werden (und langfristig eine Rückkehr zu einem stärker beitragsbasierten Wohlfahrtsstaat). Hinzu kommt die Stärkung sozialer Infrastruktur – die Subventionierung klassischer Treffpunkte wie Pubs bis hin zu besseren staatlichen Daten über Migration und Aufenthaltsstatus, um Steuerung überhaupt zu ermöglichen.
Ein weitergehender Punkt, den etwa David Willetts betont: Auch die migrationspolitische Neuausrichtung nach dem Brexit ist demografisch problematisch gewesen. Statt stärker auf Zuwanderung aus kulturell näherstehenden europäischen Ländern wie Rumänien oder Polen zu setzen, hat sich Großbritannien mehr für Somalis oder Pakistaner geöffnet – eine Entwicklung, die korrigiert werden sollte.
Nicht alle politischen Ziele lassen sich jedoch einfach per Gesetz durchsetzen, und viele Maßnahmen wären kostspielig. Weichere Instrumente wie klug gesetzte Anreize („nudges“) könnten dazu beitragen, Integration entlang gemeinsamer Normen zu fördern und das Bewusstsein für gemeinsame Interessen zu stärken – etwa das Ziel, für die nächste Generation bessere Lebensbedingungen zu schaffen.
Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt formuliert es so: „Man kann Menschen dazu bringen, sich weniger um 'Rasse' zu kümmern, indem man Unterschiede in einem Meer von Ähnlichkeiten, gemeinsamen Zielen und wechselseitigen Abhängigkeiten ertränkt.“
Viele dieser Vorschläge sind seit Jahrzehnten Gegenstand von Debatten und Kommissionen – umgesetzt wurde bislang jedoch wenig. Das liegt zum einen an rechtlichen Grenzen, zum anderen an einem liberalen Politikverständnis, das fast ausschließlich auf individuelle Rechte fokussiert. Dabei sind Gesellschaften mehr als die Summe einzelner Individuen: Sie werden auch von kollektiven Bindungen geprägt, die politisch oft unausgesprochen bleiben – nicht zuletzt aus der politischen Sorge, Minderheiten zu benachteiligen.
Doch der Wunsch, vertraute Lebensweisen zu bewahren, ist in der Regel defensiv, nicht aggressiv motiviert. Er richtet sich prinzipiell nicht gegen etablierte Minderheiten oder deren Rechte. Im Gegenteil: In vielen Fragen des Zusammenlebens überschneiden sich die Interessen von Mehrheiten und Minderheiten. Konflikte entstehen eher dort, wo Integrationsvorstellungen auseinandergehen oder einzelne religiöse oder ethnische Gruppen – insbesondere orthodoxe Muslime – auf Abgrenzung setzen.
Dass die etablierte Politik die Sorgen der Mehrheitsbevölkerung nicht ernst genug nimmt, ist politisch riskant. Es schafft ein Vakuum, das von populistischen und rechtsextremen Akteuren gefüllt werden kann.
Das zeigt sich auch in den USA: Der Aufstieg von Donald Trump ist kaum zu verstehen ohne den demografischen Wandel – nicht-hispanische Weiße stellen inzwischen nur noch rund 55 Prozent der Bevölkerung. Für viele Angehörige dieser Gruppe ist das nicht nur eine statistische Entwicklung, sondern wird als kultureller Bedeutungsverlust empfunden – bis hin zu symbolischen Irritationen im Alltag.
Man kann das Ganze aber auch anders lesen: Vielleicht ist die Debatte über Mehrheiten längst ein Auslaufmodell – ein Schwanengesang der nationalen Identität in hochdiversen, stark individualisierten Gesellschaften. Mit wachsender Bildung und Mobilität lösen sich für manche Menschen Bindungen an Herkunft, Ort und Geschichte auf; Identität wird stärker aus dem Individuum selbst bezogen. Für einen Teil der kosmopolitischen „Anywheres“ gilt das bereits. Ob sich dieser Trend jedoch auf breite Mehrheiten überträgt, erscheint zumindest zweifelhaft.