<p>US-Verteidigungsminister Pete Hegseth denkt in Kategorien von „Kreuzzug“ und Kulturkampf. Seine Schriften geben Einblick in eine Weltanschauung, die militärische Eskalation begünstigt.</p>
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth denkt in Kategorien von „Kreuzzug“ und Kulturkampf. Seine Schriften geben Einblick in eine Weltanschauung, die militärische Eskalation begünstigt.
Nach mehr als einem Monat Krieg im Nahen Osten sind zahlreiche militärische und zivile Opfer gemeldet worden – oder verschwiegen worden, während die Blockade von Hormus die Weltwirtschaft in Mitleidenschaft zieht. Nun müht sich die US-Administration um ein Abkommen mit dem Iran. Doch wer darauf hofft, die Vereinigten Staaten würden die Lage jetzt langfristig stabilisieren, sollte einen Blick in die Bücher von Pete Hegseth werfen, dem Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten, der faktisch zum Kriegsminister umetikettiert wurde.
In seinem Buch American Crusade (2021) formuliert Hegseth seine politische Mission offen: einen „Kreuzzug“ im Geiste der mittelalterlichen Religionskriege zwischen christlichen und muslimischen Herrschern um Jerusalem – einen Konflikt, der sich zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert unter gänzlich anderen historischen und sozialen Bedingungen abspielte. Doch für Hegseth ist er eine ideologische Blaupause für die Gegenwart. In Donald Trump sieht er den geeigneten politischen Führer für dieses Projekt – eine bemerkenswerte Konstellation, wenn man bedenkt, dass gerade Trump sich gerne als Friedensstifter inszeniert.
Karriere eines Meinungsmachers
Hegseth bringt keine klassische Laufbahn als sicherheitspolitischer Stratege mit. Unter anderem war er in Guantánamo Bay eingesetzt; in Afghanistan diente er als Ausbilder für Aufstandsbekämpfung. Damit war er zwar Zeuge des Scheiterns amerikanischer Interventionen – etwa des Rückzugs aus Afghanistan und der Machtübernahme durch die Taliban –, doch eine prägende sicherheitspolitische Rolle lässt sich daraus kaum ableiten.
Seine Bekanntheit verdankt er vielmehr seiner Zeit als Kommentator bei Fox News, wo er seit 2014 eine Plattform fand. Berichte über Alkoholprobleme und Fehlverhalten begleiteten diese Phase. Selbst innerhalb der Republikanischen Partei wurde seine Ernennung kritisch gesehen: Ihm fehlte die Erfahrung in nationaler Sicherheitspolitik, militärischer Führung oder großen Organisationen.
Auch als Denker überzeugt Hegseth kaum. Seine Bücher arbeiten mit einfachen Thesen und zugespitzten Formeln, die eher an Talkshow-Rhetorik erinnern als an ernsthafte Analyse. Historische Ungenauigkeiten sind dabei kein Detail, sondern ein Muster. So stilisiert er die USA zum Erben des „Kreuzzug-Geistes“ – ein bemerkenswerter Gedanke, wenn man bedenkt, dass zur Zeit der Kreuzzüge der amerikanische Kontinent gänzlich unbekannt war und viele glaubten, die Erde sei flach und befinde sich im Zentrum des Universums.
Diese intellektuelle Leichtfertigkeit zeigt sich auch in aktuellen Aussagen: Luftangriffe als „Verhandlungen“ zu bezeichnen, ist weniger strategische Analyse als rhetorische Verdrehung, um die gescheiterten Verhandlungsversuche seines Chefs zu kaschieren.
Hegseth aber meint es ernst. Er trägt ein großes Kreuzritter-Symbol auf der Brust tätowiert, dazu weitere Zeichen – darunter das arabische Wort „Kafir“ (Ungläubiger). Seine Symbolik ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines Weltbildes, das stark religiös aufgeladen ist.
Dabei richtet sich sein „Kreuzzug“ nicht nur nach außen. Auch innenpolitisch spricht Hegseth von einem fundamentalen Konflikt im Geiste eines Bürgerkriegs, den er als American Crusade versteht. Für ihn sind politische Gegner keine Gegner im demokratischen Sinne, sondern Feinde. In seinem Buch formuliert er es unmissverständlich: „Wir, das Volk, müssen diesen Augenblick begreifen. Du spürst ihn. Ich spüre ihn. Wir alle spüren ihn. Die andere Seite – die Linke – ist nicht unser Freund. Wir sind keine ‚geschätzten Kollegen‘ und auch nicht bloß politische Gegner. Wir sind Feinde. Entweder wir gewinnen, oder sie gewinnen – in nichts anderem stimmen wir überein.“
Das ist die Sprache eines Kulturkampfes – nicht die eines Verteidigungsministers.
Israel im Zentrum
Ein zentraler Bestandteil seiner Weltsicht ist die Rolle Israels. Für Hegseth ist der Staat untrennbar mit der Geschichte der USA verbunden. Wer diese Verbindung nicht erkenne, verstehe weder die Bibel noch die westliche Zivilisation. Doch für Hegseth zählt weniger historische Genauigkeit als ideologische Kohärenz:
„Ganz einfach: Wenn du nicht verstehst, warum Israel wichtig ist und warum es für die Geschichte der westlichen Zivilisation – deren größte Ausprägung Amerika ist – so zentral ist, dann lebst du nicht in der Geschichte. Amerikas Geschichte ist unauflöslich mit der jüdisch-christlichen Geschichte und mit dem modernen Staat Israel verbunden. Man kann Amerika lieben, ohne Israel zu lieben – aber das sagt mir, dass dein Wissen über die Bibel und die westliche Zivilisation beklagenswert unvollständig ist. Wenn du zum Kreuzzug antrittst, musst du die Gesamtheit deiner Mission kennen.“
Eine Welt der „Ismen“
Hegseths Kreuzzüge richten sich überdies gegen neun Spielarten dessen, was er „-ismen“ nennt; den „Islamismus“ hält er für den gefährlichsten dieser „-ismen“. Im Schlusskapitel fasst er das so zusammen: Der Globalismus werde unsere Grenzen, unsere Souveränität und unsere nationale Identität auslöschen. Der Genderismus werde unsere Jungen im übertragenen wie im wörtlichen Sinn zu Mädchen machen und unsere Mädchen zu Jungen. Der Sozialismus werde unsere Wirtschaft ersticken und Amerika innerhalb nur einer Generation in den Bankrott treiben. Der Säkularismus werde Gott unter dem Gewicht des Staates begraben und damit unser kulturelles Schicksal besiegeln. Der Umweltschutz werde weitere Fabriken schließen. Der Elitismus werde uns mit politischer Korrektheit so lange würgen, bis unsere Gedanken selbst zum Verbrechen würden. Der Multikulturalismus werde unsere Unterschiede vergrößern und uns dadurch spalten und schwächen. Der Islamismus werde immer weiter wachsen, bis er mächtig genug sei, sich alles zu nehmen. Und der Leftism werde uns alle mit Hilfe des großen Staates versklaven, bis er seinerseits vom Islamismus versklavt werde.
Gerade diese Vereinfachungen machen ihn in seiner Position so gefährlich. Wer komplexe Zusammenhänge auf Schlagworte reduziert, verliert die Fähigkeit zur Differenzierung – und damit auch zur verantwortungsvollen Entscheidung.
Kulturkampf beginnt im Kindergarten
Vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre nie aus dem Rang eines Kulturkämpfers herausgehoben worden, als den er sich in seinem gemeinsam mit David Goodwin veröffentlichten Buch Battle for the American Mind von 2022 zu inszenieren versucht. Darin behauptet er, mit wenig Belegen und in erheblicher begrifflicher Verwirrung, „die Linke“ habe das Bildungssystem unterwandert.
Für Hegseth verläuft das eigentliche Schlachtfeld nicht mehr an Colleges, sondern „in den Kindergärten“. Immer wieder greift er auf den Begriff der Paideia zurück, in Anspielung auf das Erziehungs- und Ethiksystem des antiken Griechenlands. Seine Antwort: eine „christliche Paideia“, also eine ideologisch geprägte Erziehung – beginnend im Kindergarten. Der Vorwurf der Indoktrination fällt damit auf seine eigenen Ziele zurück.
Wer Hegseths Schriften liest, gewinnt den Eindruck, dass ein möglicher Konflikt mit dem Iran in seinem Denken seit längerem eine zentrale Rolle spielt – eingebettet in eine außenpolitische Ausrichtung, die Israel stark in den Mittelpunkt amerikanischer Strategie rückt. In dieses Bild fügt sich auch die enge Abstimmung mit der israelischen Regierung unter Benjamin Netanjahu. Journalisten verweisen etwa auf ein von Netanjahu veröffentlichtes Video, das gezielt an die US-Regierung adressiert war und Trump von dem Wagnis des Iran-Krieges überzeugt haben soll.
Die Ernennung Hegseths zum Verteidigungsminister lässt sich vor diesem Hintergrund auch als Ausdruck einer grundsätzlichen außenpolitischen Linie interpretieren. Selbst wenn er diese Position nicht innehätte, ist davon auszugehen, dass zentrale sicherheitspolitische Ämter unter Donald Trump mit ähnlich ausgerichteten Personen besetzt wären.
Solange diese politische Konstellation besteht, erscheinen die Spielräume für eine stabile Deeskalation begrenzt. Mit Hegseth gewinnen militärische Strategien gegenüber diplomatischen Ansätzen an Gewicht und verlieren völkerrechtliche Rahmenbedingungen weiter an Bedeutung.