Später im 19. Jahrhundert kam der Rassismus auf, verband sich mit Ideen von Malthus, und daraus entstand die Eugenik: Die Idee, man müsse den „Genpool“ des Volkes sauber halten und verhindern, dass sich die Armen und Schwachen vermehren. Das führte weltweit zu grausamen Zwangssterilisierungen und gipfelte schließlich in den Verbrechen der Nationalsozialisten.
Was hat das mit der heutigen Rentendebatte zu tun?
Die Eugenik ist heute weitgehend verpönt, aber der Gedanke, um den sie kreiste, – wer gehört zum Volk und wer nicht – ist erschreckend aktuell. Das erinnert in der Gegenwart an die Rechtspopulisten und den Kulturkampf, den sie inszenieren. Und es erinnert auch daran, wie manchmal über Generationengerechtigkeit, Migration und Bürgergeld-Empfänger geredet wird. Menschen werden zur Belastung erklärt, soziale Probleme werden zu Bevölkerungsfragen umgeschrieben.
Warum halten sich diese Mythen über die Rente und die Demografie so hartnäckig, selbst wenn die harten Fakten sie immer wieder widerlegen?
Das liegt an der Psychologie. Der Ökonomie-Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman hat das in seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken hervorragend beschrieben: Wir glauben, rational zu handeln, entscheiden aber meist emotional. Wir alle fürchten das Alter, haben Angst vor Gebrechlichkeit und Einsamkeit, und diese persönliche Angst übertragen wir auf die Gesellschaft.
Dann gibt es auch den sogenannten Wahrheitseffekt: Unwahrheiten gewinnen an Glaubhaftigkeit, je häufiger sie wiederholt werden.
Richtig. Wenn eine Geschichte seit Jahrzehnten immer wieder erzählt wird, wird sie zur gefühlten Wahrheit. Das zeigt sich auch bei der Rente. Viele Menschen glauben, dass der Rentenbeitrag in den letzten 25 Jahren gestiegen ist. Doch das stimmt nicht. Er ist gesunken – von 20,3 Prozent im Jahr 1999 auf heute 18,6 Prozent.
Andere meinen, dass es immer weniger Beitragszahler gibt, also Menschen, die arbeiten, Steuern und Sozialabgaben zahlen.
Auch das ist falsch. Wir haben mehr Beitragszahler, seit der Jahrtausendwende sind es sieben Millionen mehr. Das Verhältnis zwischen Beitragszahler und Rentner liegt bei zwei zu eins und ist seit 30 Jahren weitgehend stabil. Denn es arbeiten mehr Migranten, aber auch mehr Frauen und Ältere.
"Wenn eine Geschichte seit Jahrzehnten immer wieder erzählt wird, wird sie zur gefühlten Wahrheit"
Wieso hält sich die Angst vor der demografischen Katastrophe trotzdem so hartnäckig? Bleibt das, was verkündet wird, einfach besser hängen als die reale Erfahrung?
Auch das erklärt Kahneman gut, und zwar mit einer Anekdote. Er hielt einen Vortrag vor Bankern und Fondsmanagern und sagte ihnen, dass ihre Arbeit im Grunde unnütz sei. Denn: Ein Fondmanager könne dauerhaft nicht den Markt schlagen, der Erfolg beruhe meistens auf Glück oder Zufall.
Später fuhr er mit einem dieser Banker zum Flughafen. Irgendwann sagte der Mann gereizt: „Ich habe sehr viel für diese Firma geleistet, und das kann mir niemand nehmen.“
Kahneman zog daraus den Schluss: Fakten, die unser Weltbild, unsere Selbstgewissheit oder unser ökonomisches Auskommen erschüttern, blenden wir aus. Unsere Psyche kann sie nicht verarbeiten, wir müssten uns sonst zu sehr in Frage stellen.
Das ist so etwas wie ein „Confirmation Bias“ – wir lassen nur das gelten, was unsere bestehende Meinung bestätigt. Lässt sich dieses Muster auch auf die Rentendebatte übertragen?
Ja. Dieser Mechanismus hält die Saga vom Renten-Untergang am Leben. Die Geschichte des Systemkollaps ist so langlebig, weil sie zu unserer gefühlten Wahrnehmung des Alterns passt.
Heißt das, wir sind gegen sachliche Argumente immun, solange das „Gefühl“ ein anderes ist?
Es ist zumindest sehr schwer, dagegen anzukommen. Solche gefühlten Wahrheiten werden selten in Frage gestellt – übrigens auch nicht von gut informierten Ökonomen. Ich kenne keinen namhaften Experten, der in der Rentendebatte der letzten Monate einem großen Medium gesagt hätte: „Leute, die Rentenbeiträge sind eigentlich gesunken, und wir haben heute mehr Beitragszahler als früher.“
Diese Fakten passen nicht zur Untergangs-Saga. Durchbrechen lässt sich dieses Muster nur mit positiven Geschichten. Wir müssen Zusammenhänge so erklären, dass sie das Gefühl ansprechen und ein optimistischeres Bild der Zukunft entsteht. Es reicht nicht, mit Tabellen gegen Vorurteile zu argumentieren.
Es gibt Vorschläge, die weder die Beitragssätze erhöhen noch die Renten kürzen wollen, sondern den Bundeszuschuss erhöhen. Wolfgang Kubicki, der Bundesvorsitzender der FDP werden will, brachte vor kurzem ein "Sondervermögen Rente" in Höhe von 500 Milliarden Euro ins Spiel, das nach dem Vorbild des norwegischen Staatsfonds von einem privaten Konsortium angelegt werden soll. Was halten Sie von Vorschlägen, die Rentenfinanzierung per Bundeszuschuss zu verbessern?
Dass ausgerechnet die FDP viele neue Schulden machen will und so die Schuldenbremse beerdigt, halte ich für nicht überzeugend. Immerhin hat sie an ihr zuletzt wie an einem Fetisch festgehalten.
Natürlich kann man über höhere Bundeszuschüsse nachdenken, zumal Deutschland für die Rente – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – weniger ausgibt als der EU-Durchschnitt und der Zuschuss gesamtgesellschaftliche Aufgaben abdeckt. Doch den Zuschuss einfach zu erhöhen, halt ich für wenig sinnvoll. Das wäre Gießkanne. Wir müssten das Geld austarieren und gerecht einsetzen.